Zum Inhalt springen
Versbuch

Thema

Gedichte über Meer und Wasser

Dieser Bestand versammelt 236 Gedichte, in denen Meer, Küste, Schiff, Strom oder See vorkommen – von der Ballade um einen König am Meer bis zum Sechzehnzeiler über die Flut. Das kürzeste Stück hat fünf Zeilen, das längste 687. Jedes Gedicht steht vollständig da, mit Verfasser, Lebensdaten und der Ausgabe, aus der es abgeschrieben ist.

236 Gedichte von 44 Verfasserinnen und Verfassern · davon 34 mit höchstens 12 Zeilen

Alle Gedichte: Meer und Wasser

Zuerst die Gedichte, die das Stichwort schon im Titel tragen, danach die kürzeren vor den längeren. Jede Zeilenzahl ist gezählt.

Vom Bodensee bis zur Nordsee: was hier liegt

Das Etikett „Meer und Wasser“ ist weiter gefasst, als es klingt. Zusammengestellt wird nach den Wörtern der Gedichte, nicht nach einer Angabe der Druckausgabe; die Ordnung gehört also dieser Sammlung und niemandem sonst. Entsprechend liegt neben der offenen See auch Binnenwasser: Gustav Schwabs „Gesellschaftslied auf dem Bodensee“ von 1828 steht hier ebenso wie „Auf dem Canal grande“ von Conrad Ferdinand Meyer, 1882, das mit „Eine glückgefüllte Gondel gleitet auf dem Canal grande,“ beginnt. Wer eine Seefahrt im engen Sinn sucht, prüft den Text und verlässt sich nicht auf die Überschrift der Liste.

Zeitlich spannt sich der Bestand über gut ein Jahrhundert. Die ältesten Beispiele sind Balladen Gustav Schwabs aus einer Ausgabe von 1828, darunter „Des Fremden Königreich“ mit 132 Zeilen und dem Anfang „Der König feiert am Meer das Spiel,“. Aus den 1880er und 1890er Jahren kommen Detlev von Liliencrons „Trutz, Blanke Hans“, Marie Eugenie Delle Grazies „Mistral“ von 1892 und Richard Dehmels „Der Pirat“ von 1893. Am jüngeren Ende stehen „Das Meer“ von Alfred Henschke, 1927, und „Segler“ von Joachim Ringelnatz, 1934. Derselbe Gegenstand klingt 1828 anders als hundert Jahre später.

Kurze Stücke sind hier knapp. Nur 34 der 236 Gedichte haben höchstens zwölf Zeilen – gemessen am Ganzen ein schmales Fach, und wer für eine Karte sucht, sollte zuerst dort nachsehen, bevor er sich an einer Ballade festliest. Schon das kürzeste der hier vorgestellten Beispiele liegt darüber: „Das Meer“ von Alfred Henschke hat sechzehn Zeilen und setzt ein mit „Ich schwelle in meiner Flut über die Erde.“. „Segler“ von Joachim Ringelnatz kommt auf 27 Zeilen, „Lütt Jan“ von Otto Ernst, 1907, auf 39. Für eine Widmung ist das schon zu viel Text.

Das mittlere Fach ist gut besetzt, und dort liegt fast alles, was man laut lesen kann. „Der Mönch von Bonifazio“ von Conrad Ferdinand Meyer, 1882, hat 40 Zeilen und beginnt mit einem Ruf: „Corsen, löst des Portes Ketten! Jede Hoffnung ist verschwunden!“. Theodor Fontanes „Sir Patrick Spens“ von 1905 hat 50 Zeilen, „Mistral“ von Marie Eugenie Delle Grazie 51, „Trutz, Blanke Hans“ von Detlev von Liliencron 63, „Graf Gero von Montfort“ von Gustav Schwab 66 und „Am Strande“ von Rudolf Lavant, 1893, 73 Zeilen. Vier bis sechs Minuten Vorlesezeit, je nach Tempo.

Die längsten Texte tragen einen ganzen Abend. „Der Pirat“ von Richard Dehmel hat 123 Zeilen, „Des Fremden Königreich“ 132, und das längste Stück des Bestands zählt 687 Zeilen. Solche Erzählgedichte funktionieren als Ganzes; ein Zitat daraus verliert die Handlung, die es trägt. Wenn nur ein Ausschnitt gebraucht wird, sollte man ihn als Ausschnitt kennzeichnen – „aus: Sir Patrick Spens“ ist ehrlicher als ein Vers ohne Herkunft, und der Zuhörer weiß dann, dass er nicht das ganze Gedicht gehört hat.

Acht Verfasser stellen den Kern. Heinrich Heine ist mit 31 Gedichten vertreten, Joachim Ringelnatz mit 30, Conrad Ferdinand Meyer und Theodor Fontane mit je 20, Rudolf Lavant mit 12, Gustav Schwab mit 11, Marie Eugenie Delle Grazie und Georg Heym mit je 10. Die Spannweite dieser Namen erklärt, warum der Bestand so uneinheitlich klingt: Zwischen Schwabs Balladen von 1828 und Ringelnatz’ „Segler“ von 1934 liegen mehr als hundert Jahre. Über den Verfasser lässt sich schneller eingrenzen als über das Stichwort.

Gemeinfrei heißt hier: Der Schutz ist abgelaufen, weil alle Verfasser seit mindestens siebzig vollen Kalenderjahren tot sind; das Sterbejahr ist bei jedem einzeln aus dem GND-Datensatz der Deutschen Nationalbibliothek belegt. Diese Gedichte dürfen also gedruckt, vorgetragen, vertont, bearbeitet und verkauft werden, ohne Anfrage und ohne Gebühr. Die Grenze verläuft bei fremden Leistungen am Text: Eine Übersetzung oder eine neuere Bearbeitung kann selbst geschützt sein (§ 3 UrhG). „Der Pirat“ von Richard Dehmel führt in der ersten Zeile „Nach José de Espronceda.“ – eine Nachdichtung nach einem fremden Original, was genau diesen Unterschied sichtbar macht.

Auch das Druckjahr verdient einen Blick, wenn man zitiert. Bei „Trutz, Blanke Hans“ nennt die Vorlage zwei Jahre: 1883 für die Erstausgabe und 1964 für die Ausgabe, aus der der Text hier stammt. Frei ist das Gedicht wegen des Todesjahres seines Verfassers, nicht wegen des Alters des Bandes. Für eine Angabe genügen Verfasser, Titel und Jahr, ergänzt um die Ausgabe, die unter jedem Text dieser Sammlung steht: „Detlev von Liliencron: Trutz, Blanke Hans, 1883“. Pflicht ist das nicht mehr, aber in einer Rede oder einem Programmheft macht es einen Unterschied.

Am Schriftbild merkt man das Alter. Fontane schreibt 1905 „Der König sitzt in Dumferlin-Schloß,“, Lavant setzt 1893 „Auf offnem Meer im leichten Segelboot“ ohne das e, Schwab beginnt „Von Montfort war’s der greise Graf,“ mit Apostroph. Nichts davon ist ein Tippfehler, und nichts wird hier stillschweigend geglättet. Ebenso wenig ist jede erste Zeile ein Vers: Bei Schwabs „Gesellschaftslied auf dem Bodensee“ steht zuerst die Melodieangabe „Melodie: Bekränzt mit Laub den lieben vollen Becher etc.“, bei „Wohlauf“ von Louise Otto-Peters führen zwei Doppelpunkte in den Text. Beim Abschreiben lohnt der Blick, wo das Gedicht wirklich anfängt.