La Blanche Nef
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
88 Zeilen in 22 Strophen · zuerst gedruckt 1882
„Herr König, ich bin Steffens Kind,Der den Erobrer einst geführt!Es ist ein Lehn, daß mein Gesind,Mein Schiff allein den König führt!
Voraus den schnellsten Seglern fliegtMein Boot, La Blanche Nef genannt,Es weiß, wo sichre Tiefe liegt,Es furcht das Meer, es kennt den Strand!“
– „Nicht mich, doch meinen besten Hort,Vier Königskinder, führest du –Sie knospen, weil mein Leben dorrt –Die junge Normandie dazu!
Gelobe mir dein himmlisch Theil,Gelobe mir dein männlich Wort:Du bringst an Leib und Seele heilDie Kinder mir nach England dort!“
– „Ich schwöre dir mein himmlisch Theil,Ich schwöre dir mein männlich Wort:An Leib und Seele bring’ ich heilDie Kinder dir nach England dort!“
Des Schiffers geller Pfiff erscholl,In See das Boot des Königs stach –Ein Korb, von frischen Blumen voll,Glitt Blanche Nef, la Belle, nach.
So leicht beschwingt wie nie zuvor,Durchfurchte Blanche Nef die SeeMit ihrem kräft’gen KnabenflorUnd Mägdlein, schlank wie Hirsch und Reh.
Die Königskinder hell und zartErhöht inmitten saßen sie,Ringsum gepaart in Zucht und ArtDas Edelblut der Normandie.
Vier helle Stimmen sangen schönUnd hundertstimmig scholl der Chor,Es zog das junge LustgetönDie Nixen aus der Flut empor.
– „Ich warne junge HerrlichkeitUnd dich, normännisch Edelblut,Das Singen schafft der Nixe Leid,Dem freudelosen Kind der Flut!“
– „Und schaffen dem Gezücht wir LeidUnd quälen wir das HalbgeschlechtUnd reizen wir der Nixe Neid,Das, Steffen, ist uns eben recht!“
Gemach verlosch das Abendrot,Des Tages Gluten schliefen ein,Ausbreitet’ über Meer und BootDer Mond den bleichen Geisterschein.
Die See ist wunderlich erregt.Was wandert um des Kieles Lauf?Von Armen wird die Flut bewegt,Beglänzte Nacken tauchen auf.
Der Steffen ernst am Steuer stand:„Das Meer ist klar, doch droht Gefahr …“Er deutet mit gestreckter Hand:„Da naht sie schon, die Nixenschaar!“
Umklammert hält den schrägen MastEin blanker Leib als Schiffsfigur,Daß Blanche Nef, von Graun erfaßt,In wilder Flucht von dannen fuhr.
– „Ich warne junge Herrlichkeit,Vergeßt die Nachtgebete nicht!“– „Ei, Steffen, Kind der alten Zeit,Süß herzt es sich im Mondenlicht“ …
Es klimmt und überklimmt das Bord,Es läßt sich nieder aus den Taun,Es kichert wie ein freches Wort,Es schaudert wie ein lüstern Graun …
Es reizt, es quält, es schlüpft, es schmiegtSich zwischen Edelknecht und Maid,Bis sich das Paar in Armen liegtZu früher Lust, zu Tod und Leid …
Dem Steffen steigt das Haar. Er starrtAuf ein gespenstig Bacchanal:Die Königskinder hell und zartVerblühen all im Mondenstrahl.
„Verloren geht mein himmlisch Theil,Gebrochen ist mein männlich Wort:Nicht bring’ an Leib und Seele heilDie Kinder ich nach England dort!
Geh nieder, Blanche Nef! Es ragtLinks unterm Wasser hier ein Riff …“Er dreht das Steuer stracks und jagtDer Klippe zu das Sündenschiff.
Der König lauscht zurück: „Das schollWie Sterbeschrei!“ Klar ist der Sund.Ein Korb von welken Blumen voll,Sinkt Blanche Nef zum Meeresgrund.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 255–258, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „La Blanche Nef“, Fassung 2.366.425 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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