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Versbuch

Ode an Zeesen

Alfred Henschke · 18901928

279 Zeilen in 21 Strophen · zuerst gedruckt 1927

(Für Dr. Ernst Goldschmidt)

Aus Jupiters Hand geschleudertDonnerkeilIm JuligewitterMein steinernes HerzDu glühst nicht mehr –

Aus den Sternen gestürztAus den Wolken geschüttetBruchWolkenbruchBlitzDonnerAufschlagend am FeldsteinRegenbogenVerwirrt im DorngesträuchDu siebenfarbener SchleierZerfetztIhr kleinen HeckenrosenIhr willigen TrösterinnenIhr haltet das flatternde Band der Tristitia.

VerwundetVerwundertErblicktZwischen zwei ragenden FöhrenDas graue AugeDen goldenen TagBlauer SeeBlauer lauer SeeMückensingsongLinde UferUnd der Winde RuferSpringen durch das KornUnter ihren kühlen SohlenBeugen die heißen Halme sich zärtlichRichten sich zärtlich aufUnd winkenDem so herrlich taumelnden Mittagswinde nach.

Drüben vom JenseitsDrüben vom Jenseits des SeesRuft der KuckuckAllen Lebenden ruft der KuckuckTausend lebendige Jahre zu.

Hinein mit einem HechtsprungZu den Hechten und BarschenHinaus aus den BinsenIn die schaumige WeiteAufscheuchend die FröscheWelche geblähter KehleDie Liebe locken die Liebste lockenVoll geiler GierFische selbst und faulendes Holz bespringenDenn es rast die Liebe in den GeschöpfenKitty die Hündin ist läufigUnd Bodo der HundJault die Tage und Nächte nach ihrNimmt das Fressen nicht und magert bis auf die RippenAuf dem Dachfirch schnäbeln die TaubenIm WasserTanzt der Gründlinge silberner ReigenIm SchilfJagen und jachtern blauschillernde LibellenUnd auf den Wogen des SeesSieh die Taucher schlank weißlichen Halses mit gelbem KropfImmer zu zweitSegeln die LiebendenUnd auf dem Rücken trägt sorglich die MutterDie flaumige Zukunft das krächzende Kind.

Auch wirMädchenGeliebteFrauMenschImmer zu zweit zu zweit seit zweien JahrenSchwimmen wir auf den Wassern des LebensAuf den Zeesener GewässernDahme Middelwede und großer Peetz.

Aus dem LuchErhebt sich ein Wind der wie Fuchs auf der Lauer lagZwischen Heidelbeerkraut und MoosenEr springt dem See in den silbernen NackenDaß die Gischt aufspritzt wie weißes BlutEs wogen die WellenEs wogen die BinsenEs wogen die FelderEs wogen die Wipfel der BäumeWir selber treiben auf den WellenWie Wasser Gras und BuchenkroneAuf und niederAuf und niederAuf und nieder.

Zurück an den StrandJetzt Sonne recke den feurigen SchildUeber unsre dampfenden LeiberZu heiß du flammender Ritter trifft uns dein roter SpeerIhr schattenden BäumeVom Borkenkäfer durchwandertVom Specht beklopftIhr schattet mein müdesIm Zittergras versinkendes HauptIhr fächelt mit euren grünen ArmenMit euren blättrigen HändenMir Trost und Vergessen zuSei bedanktGeliebtes GeschwisterAkazieWie gerne starb ich den SchlafIn deinen kühlen ArmenWie gerne will ich den TodEinst in deinen Armen verschlafenWill ich in deinem feuchten SchattenAch noch viele Ewigkeiten verschlafenWenn die grelle MittagssommersonneDie gemähte Stoppelwiese dörrtUnd zu meinen FüßenDämmert verdämmert Bodo der Hund.

He BodoHierher BodoWolfssohnWillst du wohl die Gänse nicht scheuchenDie heiligen Träger des DaunenschlafesDie gütigen Behälter des GänsefettesWackelnd mit den feisten dermaleinst gebratenen Gänsekeulen.

Ganz von fern wie ferner KriegRollenAuf der Königswusterhausener Bahn die Güterzüge.

Und ich sitze nackt auf der VerandaWie des Sommers GottSitz ich nackt und faul auf der VerandaViolett umblühen mich BethulienMich umtanzenDicke Fliegen Filigran von MückenPfauenauge und ZitronenfalterUnd ich hock und freß wie ein KaninchenFrischen mildesten SalatKohlrabiAuch gezuckerte JohannisbeerenUnd danach ein GlasErdbeerbowleWie ein MenschWie ein GottUnd ich sitz und schwitz und freß und saufUnd ich denk und träumeNichtsTräum und denk das Nichts vom Nichts des NichtsesBin am Ende meiner KräfteUnd am Anfang aller Seeligkeit.

Hochbeladen mit dem gelben KornSchwankt der Wagen in die ScheuneUnd das brave Pferd umspringen bellendSieben schwarz und weiße WolleknäuelSieben Terrier Bosko Fatty StepTipsy Kitty Bill und FapAus dem offenen Stall fegt eine SchwalbeDrin im Stalle säugt die Kuh das Kälbchen.

Zwischen BäumenWachsen schlanke steile dünne EisensäulenIn den HorizontDie Funktürme von KönigswusterhausenHier Königswusterhausen auf Welle 1300Achtung Achtung AchtungDer Dichter Klabund spricht eigene Verse.

Er spricht mit abgehackter blecherner StimmeDieweil er im Grase liegt – Das rechte Ohr an die Erde gepreßtHorcht er auf den Herzschlag der ErdeUnd auf den Wanderschritt des MaulwurfsEr wirft die Worte in die LuftWie nicht entzündete RaketenSie brennen nichtSie leuchten nichtSie fallen zischend ins feuchte GrasAchtung Achtung AchtungHochachtung Hochachtung HochachtungGanz besondre HochachtungIhm lauscht kein Mensch kein Wesen kein TierDie Luft spielt mit den Worten wie mit BrennesselsamenSie weht sie da und dorthinEinige Participia bleiben in einer Koniphere hängenEin strahlendes Adjektiv treibt Bauch nach oben wie ein toter Fisch im See.

Aber ein liebliches PräpositumFiel in einen BaumritzEiner Dryade in die AugenbrauenUnd kitzelte sie aus dem SchlafZierlich trat sie aus dem dunklen Baumstamm ins grelle LichtUnd stand geblendet –Da begannen die Grillen zu zirpenDie Heuschrecken musikalisch ihre Hinterbeine zu reibenUnd der Jazz des Sommers rauschte aufMeckernd fielen die Ziegen einDie Kuh blökte die Hunde bellten die Gänse schnattertenIn der Ferne GewittergrollenDie dumpfe Pauke des DonnersGott sitzt am SchlagzeugYes Sir that’s my babyDa stampfte die entfesselte Dryade den CharlestonDie braunen rötlich überkupferten Haare fielen ihr mähnig über die StirnWie einem Pony.

Tanz stampf tritt den BodenTritt die Erde daß sie dir untertan seiDie Erde dem WeibeWie seit UrbeginnSo heuteZertritt die Butterblumen im TanzWas tutsZermalme die kleinen roten Käfer im tollsten TaktTöte die dir aufspielen zum Tanz mit deinen tanzenden SohlenTöte Grille und HeupferdTanze tanzeTöte töteSchon springst du mir in den NackenPumaUnd tanzest auf meinen KnabenschulternYes Sir yes SirDen Jazz des Sommers.

Genug genug wilde NympheZieh dir den schwarzrotgestreiften Bademantel anUnd komm auf den TennisplatzHenry der Trainer wartet schon auf die gnädige FrauDu schlägst die BälleZwei Dutzend BälleZwei Dutzend MenschenköpfeHaarscharf übers NetzKeinen LiebesblickKeinen BallLäßt du aus.

Abends nach dem EssenYes Sir yes SirSteppst du im blauen PyjamaBlauer Pyjama blauer Himmel blauer See – Wie ein japanischer RingerMit dem dicken gebräunten SharakugesichtBoxt der gewaltige Herr des GutesRittergutesRaubrittergutesZeesen(Nach der Volkszählung von 1905 besaß der 352 Hektar umfassende Gutsbezirk Zeesen 25 Einwohner)Boxt die erhabene märkische MajestätDen RaumBoxt mit Träumen mathematischen Reihen Börsenkursen und wilden ZiffernOberbedarfUnterbedarfMannesmannWeibesweibDie Firmen Frisch Frank Fröhlich Frei haben Geschäftsaufsicht angemeldetYes Sir that/s my babyNoch ein Glas BowleElektrisches Licht überm GartenSommernachtstraumEin Gang noch mit den englischen TerriernKitty Bill Tipsy Bosko Fatty Step FapLicht ausHappy-endWeek-end.

NachtsSchlafe ich schlechtDurch geöffnete FensterWandert die ganze UnterweltWeiße Spinner kommen geflattert mit riesigen roten AugenSpanische Fliegen mit fetten grünen BäuchenBraune Motten und kleine PerlmutterfalterSummende Mücken sirrende GnitzenIhnen nach die Königin des DunkelsIhre Herrin und VertilgerinDie gefräßigeDie FledermausUnd am Boden raschelts: schwarze SchwabenAus der Mauer kriechen TausendfüßlerAlles lärmt und knackt und surrt und rascheltPlötzlich trappt und trippelt’s auf den BohlenWie ein Pony trappelt und ein weißesTier steht wie gebäumt im RabenschwarzenWie ein Schimmel auf den HinterbeinenHebt die Vorderhufe drohendSchnaubt gar grimmig durch die NüsternSchreien will ich mir verschlägts die SpracheDa – ein Sprung – das Tier hockt auf dem BettrandUnd umschlingt mich mit den weißen ArmenDrückt die heißen Lippen auf die meinenYes Sir that/s my baby.

Mein steinernes Herz – – –Du glühst noch –

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Die Harfenjule S. 53 - 58, 1. Auflage, Die Schmiede, Berlin, 1927
Digitalisat
de.wikisource.org — „Ode an Zeesen“, Fassung 1.167.298 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Alfred Henschke starb 1928; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1998 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 1182379923 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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