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Versbuch

Die Schöpfung des Bodensee’s

Gustav Schwab · 17921850

129 Zeilen in 16 Strophen · zuerst gedruckt 1828

Als Einleitung.Als Gott der Herr die dunkeln KräfteDer werdenden Natur erregt,Und zu dem schöpfrischen GeschäfteDie Wasser und den Grund bewegt:Und als sich nun die Tiefen senkten,Die Berge rückten auf den Platz,Die Ebnen sich mit Bächen tränkten,In See’n sich schloß der Wasser Schatz:

Da schuf sich auch die RiesenketteDer Alpen ihrer Thäler Schoos,Da brach der Strom im FelsenbetteAus seinem Eispalaste los.Er trat heraus mit freud’gem Schrecken,Er wallet hell in’s offne Land,Und ruht in einem tiefen BeckenAls blauer See mit breitem Rand.

Und fort von Gottes Geist getriebenWogt er hinab zum jungen Meer,Doch ist sein Ruhesitz geblieben,Und Wälder grünen um ihn her;Und über ihm hoch ausgebreitetSpannt sich der heitern Lüfte Zelt,Es spiegelt sich, indem sie schreitet,Die Sonn’ in ihm, des Himmels Held.

Und wie nun auf den weiten AuenDes ersten Sabbaths Ruhe schlief,Ließ sich der Bote Gottes schauenIm lichten Wolkenkranz und rief.Da scholl gleich donnernden PosaunenDes Engels Stimme durch den Ort,Es horchten Erd’ und Fluth mit StaunenUnd sie vernahmen Gottes Wort:

„Gesegnet bist du, stille Fläche,Vor vielem Land und vielem Meer!Ja rieselt fröhlich nur, ihr Bäche,Ja ströme, Fluß, nur stolz einher!Ihr füllet euch in einen Spiegel,Der große Bilder bald vereint,Wenn Einer, der der Allmacht SiegelTrägt auf der Stirn, – der Mensch, erscheint.

Erst lebt ein dumpf Geschlecht, vergessenSein selbst, im Walde mit dem Thier,Dann herrscht ein Fremdling stolz, vermessen,Ein Sieger mit dem Schwerte hier;Er zimmert sich den Wald zu Schiffen,Er öffnet Straßen, baut das Haus;Dann hat ihn Gottes Hand ergriffen,Und schleudert ihn zum Land hinaus.

Und führt den Stamm mit goldnen Haaren,Mit blauem Aug’ an’s Ufer her;Er hat noch nichts vom Herrn erfahren,Sein Gott ist Eiche, Fluß und Meer.Doch schläft im tüchtigen GemütheNoch unerweckt des Ew’gen Bild,Ein Strom der höchsten Kraft und GüteIn seinen vollen Adern quillt.

Der Himmel wird ihm Boten senden,Die sagen ihm von Gottes Sohn,Die bauen mit getreuen HändenIn dichten Wäldern seinen Thron.Dort wird das Licht des Geistes leuchten,Von dorther der Erkenntniß QuellDer Erde weites Feld befeuchten,Dort bleibts in tiefem Dunkel hell.

Dann werden sich die Haine lichten,Wie sich der Menschen Herz erhellt,Dann prangt ein Kranz von goldnen FrüchtenUm dich, du segenreiches Feld,Die Rebe strecket ihre RankenIn deinen hellen See hinein,Und schwerbeladne Schiffe schwankenIn reicher Städte Häfen ein.

Und die des Höchsten Krone tragen,Statthalter seiner Königsmacht, –An diesen Ufern aufgeschlagen,Sonnt oft sich ihres Hofes Pracht.Und Völker kommen aus dem NordenUnd aus dem Süden, See, zu dir!Du bist das Herz der Welt geworden,O Land, und aller Länder Zier!

Drum sind dir Sänger auch gegeben,Zween Chöre, die mit deinem LobDie warme Frühlingsluft durchbeben,Wie keiner je sein Land erhob.Das eine sind die Nachtigallen,Auf Wipfeln jubelt ihr Gesang,Das and’re sind in hohen HallenDie Ritter mit dem Harfenklang.

Wohl ahnst du deinen Ruhm, du wallestMit hochgehobner Brust, o See!Doch daß du dir nicht selbst gefallest,Vernimm auch deine Schmach, dein Weh!Es spiegeln sich die ScheiterhaufenDer Märtyrer in deiner Fluth,Und deine grünen Ufer traufenVon lang vergoßnem Bürgerblut.

Sey nur getrost! Du blühest wieder,Du wischest ab die Spur der Schmach,Und große Sagen, süße Lieder,Sie tönen am Gestade nach.Zwar dich verläßt die Weltgeschichte,Sie hält nicht mehr am UfersandMit Schwert und Wage Weltgerichte,Doch stilles Gnügen wohnt am Rand.

Der Hauch des Herrn treibt deine Boote,Dein Netz soll voll von Fischen seyn,Dein Volk nährt sich vom eignen Brote,Und trinkt den selbstgepflanzten Wein.Und unter deinen ApfelbäumenWird ein vergnügt Geschlecht im GlückVon seinem alten Ruhme träumen:Wohlan, vollende dein Geschick!“

Der Engel sprach’s, der Sabbath endet,Der Schöpfung Werktag hebt sich an,Es rauscht der See, die Sonne wendetIhr Antlitz ab, die Wolken nahn;Die Stürme wühlen aus den SchlündenDen trüben Schlamm an’s Licht herauf,Der Strom hat Mühe sich zu münden,Und sucht durch trägen Sumpf den Lauf.

Doch webt und wirkt im innern GrundeDer schwerarbeitenden NaturDas Wort aus ihres Schöpfers Munde,Sie folgt der vorgeschriebnen Spur.Von Licht verklärt, von Nacht verhüllet,Sein bleibt das Wasser, sein das Land,Und was verheißen war, erfülletDer Zeiten Gang auf Fluth und Strand.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 359–363, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „Die Schöpfung des Bodensee’s (Gedichte)“, Fassung 3.570.459 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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