Der Rappe des Comturs
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
38 Zeilen · zuerst gedruckt 1882
Herr Konrad Schmid legt’ um die Wehr,Man führt’ ihm seinen Rappen her:„Den Zwingli laß ich nicht im Stich,Und kommt ihr mit, so freut es mich.“Da griffen mit dem Herren wertVon Küsnach dreißig frisch zum Schwert:Mit Mann und Roß im MorgenrotStieß ab das kriegbeladne Boot.Träg schlich der Tag; dann durch die NachtFlog Kunde von verlorner Schlacht.Von drüben rief der Horgnerthurm,Bald stöhnten alle Glocken Sturm,Und was geblieben war zu Haus,Das stand am See, lugt’ angstvoll aus.Am Himmel kämpfte lichter ScheinMit schwarz geballten Wolkenreihn.„Hilf Gott, ein Nachtgespenst!“ Sie sahnEs drohend durch die Fluten nahn.Wo breit des Mondes Silber floß,Da rang und rauscht’ ein mächtig RoßUnd wilder schnaubt’s und näher fuhr’s …„Hilf Gott, der Rappe des Comturs!“Nun trat das Schlachtroß festen Grund,Die bleiche Menge stand im Rund.Zur Erde starrt’ sein Augenstern,Als sucht’ es dort den todten Herrn …Ein Knabe hub dem edeln ThierDie Mähne lind: „Du blutest hier!“Die Wunde badete die Flut,Jetzt überquillt sie neu von Blut,Und jeder Tropfen schwer und rotVerkündet eines Mannes Tod.Die Comturei mit Thurm und ThorRagt weiß im Mondenglanz empor.Heim schritt der Rapp das Dorf entlang,Sein Huf wie über Grüften klang,Und Alter, Wittwe, Kind und MaidZog schluchzend nach wie Grabgeleit.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Der Rappe des Comturs“, Fassung 3.440.447 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.