Geisterspuk
Rudolf Lavant · 1844–1915
57 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1893
Ich habe schwer geträumt die lange Nacht.Ich ward geführt vom mächt’gen Gott der TräumeDurch langer Säulengänge Marmorpracht.In eines fürstlichen Palastes Räume.In weiche Kissen sank ich müde dann,Zu rasten in der Herrlichkeit auf Stunden,Und neidenswerth schien mir ― im Traum ― der Mann,Der hier sein Heim, sein sich’res Heim gefunden.
Von seinem Duft, Gesang und HarfenlautWard wie von weichen Wellen ich getragenUnd zu der Decke hab’ ich aufgeschaut,Gedankenlos, in köstlichem Behagen.Da schlug urplötzlich mich in seinen BannEin tödtliches, entsetzliches Erschrecken,Denn Staub und Kalk und loser Mörtel rannUnd rieselte herab in allen Ecken.
Wohl klang sie fort, die Stimme weich und tief,Beschwichtigend mit Nachtigallentönen,Doch durch die Mauern des Palastes liefWie Knistern es und dumpfes Balkenstöhnen.Und ab und zu ein Splittern scharf und kurz,Von Wellen des Gesanges überflossen!Wie nahe war, wie ferne noch der SturzDes goldnen Bau’s, in dem ich eingeschlossen?
Und athemlos, mit schreckensbleichem MundRang ich umsonst danach mich zu erheben,Denn von der höchsten Zinne bis zum GrundErschütterte den stolzen Bau ein Beben.Dem Schauern welken Laubs sein Zittern glichUnd Glied auf Glied schien man ihm auszurenkenUnd wie der Wände Stütze wankend wich,Schien seine Decke sich herabzusenken.
Und ob er mühsam Halt und GleichgewichtIn wildem Krampfe sich zurückgewonnen ―Gerettet schien er mir noch lange nicht,Nur einer Form des Untergangs entronnen.Noch immer schmeichelte das Lied dem Ohr,Doch hört’ ich über mir der Flammen WehenUnd taumelnd sprang vom Lager ich empor,Um dem Verderben flüchtend zu entgehen.
Ich schluckte Rauch mit jedem Athemzug;Grau durch die Hallen wälzten sich die Massen,Als zum Portal der irre Fuß mich trug,Doch sollt’ ich nicht den Schreckensort verlassen,Denn trübe Fluth nur sah ich ringsumherUnd nirgends war ein Retter zu errufen,Und dieses düstre, weißbeschäumte MeerBespülte gierig schon die ersten Stufen.
Da, in der höchsten Noth bin ich erwacht,Bevor die Trümmer in der Fluth versanken,Und wie durch Zauber wich der Spuk der Nacht,Der nur ein Widerspiel der Taggedanken.Denn was in buntem Bilde nur der Traum,Der quälende, gezeigt, daß rasch es schwinde ―Es ist kein Tag, ja eine Stunde kaum,Da ich es nicht als Wirklichkeit empfinde.R.L.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Geisterspuk“, Fassung 3.439.975 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.