Cromwell’s letzte Nacht
Theodor Fontane · 1819–1898
58 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1851
Mir sagt’s nicht nur des Arztes ernste Miene,Selbst fühl’ ich’s, meine Stunden sind gezählt.
Der tolle Traum, der mich vom Lager schreckte,Er war nicht Ausgeburt des heißen Hirns,Auch Stimme nicht des mahnenden Gewissens,Er war ein Ruf aus einer andren WeltZum Hintritt vor den Richter mich zu rüsten.
Ein toller Traum! wüßt ich, in nächster NachtWird dir der Schlaf ein gleiches Schreckniß bringen,So möchte diese Stunde noch der TodStatt jenes Stuart an mein Lager treten.Ernst stand er vor mir; um den nackten HalsTrug, statt des Schmucks, er einen rothen Streifen,Und als er, wie vordem, zu leichtem GrußNach dem Barett auf seinem Haupte fasste,Nahm er den Kopf von seinem blutgen Rumpf.Mein Auge schloß sich; als ich’s scheu geöffnetSah wieder ich den purpurfarbnen Streifen,Er winkte mit dem Finger mir, zu folgen,Und schwand dann, rückwärts schreitend, in der Thür.
Was schreckt das Traumbild mich des todten MannesUnd weckt in mir den alten AberglaubenAn eines Königs Unverletzlichkeit?Das Schwert des Henkers wär’ wie Glas zersprungen,Wenn Gottes Will’ ihn unverletzlich schuf.Was ist die Unantastbarkeit des Königs?Nichts als ein Vorrecht, das die Zeit ihm leiht:Sein Urahn, ein Eroberer und MörderIst der Begründer all der Heiligkeit.Der kühne Normann, der bei HastingsfieldDen König Harald in den Staub geworfen,Was war er Bessres als der Cromwell heut,Der jenen Carl bei Marston-Moor geschlagen?
Es soll nicht mehr sein blutig Haupt mich schrecken!Es lebt in mir: ich war ein Gotteswerkzeug,Und auserwählt zu retten und zu strafen.Ich sah das Schiff, vom Sturm umhergeschlagen,Der Klippe nah, dran es zerschellen mußte:Ich sprang hinzu, von seinem Platze drängt ichDen schwachen Steurer, und mit sichrer HandLenk ich das Schiff, als Lootse, in den Hafen.Es war noch immer, galt’s ein Volk zu retten,Das Recht des Stärkern nicht das schlechtste Recht.
Daß ich mein Thun mit seinem Tod besiegelt,Es war Nothwendigkeit; er mußte sterben,Es war sein Blut der Mörtel meines Bau’s.
Wenn in die Sendung, die an mich ergangen,Ich Selbstsucht, Stolz und Eitelkeit gemischt,So weißt Du Gott, der meine Nächte kennet,Wie für mein Unrecht bitter ich gebüßt.Mein Leben war das Leben des Tyrannen;Ob nimmer auch in Blut ich mich gebadet,Haß fand ich dort, wo festen Arms ich drückte,Und Eifersucht, wo milden Arms ich hob.
Erfüllt ist meine Sendung; Gott, ich wollteDes Mannes Blut wär nicht an meinen Händen!Hab’ ich gefehlt, sei mir ein gnädger Richter, –In Deine Hand befehl’ ich meinen Geist.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 110–114, 1. Auflage, Carl Reimarus’ Verlag. W. Ernst., Berlin, 1851
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Cromwell’s letzte Nacht“, Fassung 3.027.891 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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