Des Fischers Haus
Gustav Schwab · 1792–1850
60 Zeilen in 15 Strophen · zuerst gedruckt 1828
Sein Haus hat der Fischer gebaut,Es stehet dicht an den Wellen,In der blauen Fluth sich’s beschaut,Als spräch’ es: wer kann mich fällen?
Die Mauern, die sind so dicht,Voll Korn und Wein sind die Räume,Es zittert das SonnenlichtHerunter durch Blüthenbäume.
Und Reben winken hereinVon grünen, schirmenden Hügeln,Die lassen den Nord nicht ein,Die umhaucht nur der West mit den Flügeln.
Und am Ufer der Fischer steht,Es spielt sein Netz in den Wellen,Umsonst ihr euch wendet und dreht,Ihr Karpfen, ihr zarten Forellen!
Sein frevelnder Arm euch ziehtIm engen Garn an’s Gestade;Kein armes Fischlein entflieht,Das kleinste nicht findet Gnade.
Auf steiget kein Wasserweib;Euch zu retten, ihr stillen, ihr guten!Und lockt mit dem seligen LeibIhn hinab in die schwellenden Fluthen.
„Ich bin der Herrscher im See,Ein König im Reiche der Wogen!“So spricht er und schnellt in die Höh’Den schweren Angel im Bogen.
Und euer Leben ist aus,Der Fischer, mit frohem Behagen,Er tritt in das stattliche Haus,An den harten Stein euch zu schlagen.
Er legt sich auf weichen Pfühl,Von Gold und Beute zu träumen; –O Nacht, so sicher und kühl,Wo Hamen und Angel säumen!
Da regt sich das Leben im Grund,Da wimmelts von Karpf’ und Forelle,Da nagts mit geschäftigem MundUnd schlüpft unters Ufer im Quelle.
Und frühe beim MorgenrothDer Fischer kommt mit den Flechten;Am Tage drohet der Tod,Die Rache schafft in den Nächten.
Von Jahr zu Jahr sie nicht ruht,Die Alten zeigen’s den Jungen;Bis daß die schweigende FluthIst unter das Haus gedrungen;
Bis daß in sinkender Nacht,Wo der Fischer träumt auf dem Pfühle,Das Haus, das gewaltige, kracht,Versinkt in der Wogen Gewühle.
Ausgießet sich Korn und Wein,Es öffnet der See den Rachen,Es schlingt den Mörder hinein,Er hat nicht Zeit zum Erwachen.
Die Gärten, die Bäume zugleich,Sie schwinden, sie setzen sich nieder,Es spielen im freien ReichDie Fische, die fröhlichen, wieder.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte. 1. Band, S. 367–369, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Des Fischers Haus (Schwab)“, Fassung 3.467.133 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.
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