Columbus
Georg Heym · 1887–1912
25 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1911
COLUMBUS (12. Oktober 1492)
Nicht mehr die Salzluft, nicht die öden Meere,Drauf Winde stürmen hin mit schwarzem Schall.Nicht mehr der großen Horizonte Leere,Draus langsam kroch des runden Mondes Ball.
Schon fliegen große Vögel auf den WassernMit wunderbarem Fittich blau beschwingt.Und weiße Riesenschwäne mit dem blassernGefieder sanft, das süß wie Harfen klingt.
Schon tauchen andre Sterne auf in Chören,Die stumm wie Fische an dem Himmel ziehn.Die müden Schiffer schlafen, die betörenDie Winde, schwer von brennendem Jasmin.
Am Bugspriet vorne träumt der GenueserIn Nacht hinaus, wo ihm zu Füßen blähnIm grünen Wasser Blumen, dünn wie Gläser,Und tief im Grund die weißen Orchideen.
Im Nachtgewölke spiegeln große Städte,Fern, weit, in goldnen Himmeln wolkenlos,Und wie ein Traum versunkner AbendröteDie goldnen Tempeldächer Mexikos.
Das Wolkenspiel versinkt im Meer. Doch ferneZittert ein Licht im Wasser weiß empor.Ein kleines Feuer, zart gleich einem Sterne.Dort schlummert noch in Frieden Salvador.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der ewige Tag. S. 44, 1. Auflage, Rowohlt, Leipzig, 1911
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Columbus (Heym)“, Fassung 722.492 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Georg Heym starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550683 der Deutschen Nationalbibliothek.
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