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Versbuch

Am Strande

Rudolf Lavant · 18441915

73 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Auf offnem Meer im leichten SegelbootWard von der Nacht ich gestern überfallen,Die Flut, die eben noch das AbendrothWeithin gefärbt mit Schimmer der Korallen ―Nun war sie schwarz, erbarmungslos und stumpf.Mit ihr verändert war des Windes Stimme,Denn in das Segel stieß er hohl und dumpf,Als ringe er mit seinem eignen Grimme.

Die Woge widerstrebend wich dem KielUnd hob und senkte stärker sich und jäher,Mein Fischer knurrte: „Ferne noch das Ziel!Ich wär’ ihm gern um eine Stunde näher.“Ich sah ihm zu und habe nichts gesagt,Und wurden etwas bleicher auch die WangenIch habe vor dem Tode nicht gezagt ―Es war kein weibisches, kein feiges Bangen.

Doch Bangen war’s, das da mich überfiel,Und ich gesteh‘ es ohne mich zu schämen;Mit Grauen sah ich unser Boot ein SpielDer Elemente, die wir nimmer zähmen.Was Oede heißt ― dort hab‘ ich es gefühlt,Und die dahin auf ihrem WellenrückenUns trug und schob, die Flut, vom Wind zerwühlt,War gleich dem Sturme wild und voller Tücken.

Und als uns plötzlich dann, ob auch so fern,Des Leuchtthurms Feuer durch die Nebel grüßte ―Da schwebte er wie der Verheißung SternOb dieser weiten, schauerlichen Wüste.Und als uns endlich murrend an den StrandDie letzte Woge warf des finstern Riesen,Da grüßt’ ich dankend mit gehob’ner HandDas milde Licht, das uns den Weg gewiesen.

Und heute klomm ich in des Morgens GlanzZu ihm empor auf ungezählten StufenUnd sah hinunter auf den WogentanzUnd hätte spottend fast hinabgerufen:„Ja, grolle nur! Hier steh’ ich frisch und roth,Ich bin der Nacht, dem Sturme, dir entronnen.Wenn uns am ärgsten eine Tücke droht,Dann flammen uns des ew’gen Lichtes Sonnen.“

Doch sprach ich’s nicht ― der Jubel ward ersticktUnd tiefem Mitleid mußte rasch er weichen.Mit wunder Brust, das Schwingenpaar geknickt,Lag es umher von kleinen Vogelleichen.Auf nächt’gem Zug, hoch über’m wüsten Meer,Das Herz voll Ahnung von des Ostens Rosen,So flog sie, vom Licht gelockt, daher,Um sich am Glas die Köpfchen einzustoßen.

Vom Tod ereilt, statt der Verheißung Land,Das ihre Seele suchte, zu gewinnen!Und einen Vogel nahm ich in die HandUnd sah ihn lange an in trübem Sinnen.Auf seinen Lidern lag es wie ein Traum,Als müsse noch das Herz in Sehnsucht klopfen,Doch auf des Hälschens seidenweichem FlaumStand der verhängnisvolle rothe Tropfen.

Ich stieg hinab, bekümmert und gedrückt,Doch denken mußt ich: „Siehe da das Leben!Wo dem Alltäglichen die Rettung glückt,Da scheitert hilflos ein erhabnes Streben.Dies Erdendasein ist ein wüstes MeerUnd flammte nicht ob den empörten WellenDas Ideal, ein Leuchtthurm hoch und hehr,Die Menschheit müßte stranden und zerschellen.

Doch wer, getragen von der Schwingen Kraft,Das Ideal da droben will erfliegen,Voll zarten Sinns und schöner LeidenschaftUnd heißen Sehnsuchtswehs, muß unterliegen.Dem Schiffer, der im wüsten Meer verirrt,Lehrt es, sein Fahrzeug in den Hafen treiben,Der Vogel aber, der zum Lichte schwirrt,Zerstößt das Köpfchen sich an harten Scheiben.R.L.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Am Strande (Lavant)“, Fassung 3.442.833 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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