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Versbuch

Der Tag

Georg Heym · 18871912

48 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1911

Palmyras Tempelstaub bläst auf der Wind,Der durch die Hallen säuselt in der ZeitDes leeren Mittags, wo die Sonne weitIm Blauen rast. Der goldene Atem spinnt,

Der goldene Staub des Mittags sich wie RauchIm Glanz der Wüste, wie ein seidenes ZeltDer ungeheuren Fläche. Dach der Welt.Wie ferne Flöten tönt des Zephirs Hauch,

Und leise singt der Sand. Doch unverweiltJagt hoch das Licht. Damaskus RosenduftSchlägt auf wie eine Woge in die Luft,Wie eine Flamme, die den Äther teilt.

Der weißen Stiere roter Blutsaft schäumtAuf Tempelhöfen, wo das Volk im KranzDes Blutes Regen fühlt, und seinen Glanz,Der mit Rubinen ihre Togen säumt.

Ein Tänzer tanzt im blauen MittagsrotAuf weißer Platte, der vom Strahle trank. –Das Licht entflieht. Der Libanon versank,Der Zedern Haus, das sich dem Gotte bot.

Und westwärts eilt der Tag. Mit tiefem GoldIst weit des Westens Wölbung angefüllt:Des Gottes Rundschild, der die Schultern hülltDes Flüchtigen. Sein blauer Helmbusch rollt

Darob im Sturme weit am Horizont,Am Meer, und seiner Inseln Perlenseil.Er eilt dahin, wo schon der Ida steilMit Eichen tost und dröhnt der Hellespont.

Das Stromland fort, dem grünen Abend zu.Wie der Drommete Ton erschallt sein GangAn Ossas Echo. Troas Schilf entlang,In rote Wälder tritt sein Purpurschuh,

In Sammetwiesen weich. Dem Feuer nach,Das einst gen Argos flog, tritt machtvoll erAuf Chalkis hin. Darunter rauscht das MeerHervor aus grüner Grotten Steingemach.

Sein Arm, den er auf Meer und Lande streckt,Ragt dunkel auf wie eine Feuersbrunst.Sein Atem füllt das Meer mit schwarzem Dunst,Des weißes Maul die roten Sohlen leckt.

Auf Marathon schleppt seines Mantels SaumEin violetter Streif, wo schon das HornDer Muschel stimmt am Strand der Toten vornDer Sturmgott laut aus weißer Brandung Schaum.

Des Rohres rote Fahnen rührt der WindVon seines Fußes Fittich um am StrandDer fernen Elis, da der Nacht Trabant,Schildknappe Mond, den dunklen Pfad beginnt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der ewige Tag. S. 52-53, 1. Auflage, Rowohlt, Leipzig, 1911
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Tag (Heym)“, Fassung 3.446.031 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Georg Heym starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550683 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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