Kaiser Friedrich der Zweite
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
40 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1882
In den Armen seines JüngstenPhantasirt der sieche Kaiser,An dem treuen Herzen ManfredsKämpft er seinen Todeskampf.
Mit den geisterhaften, blauenAugen starrt er in die Weite,Während seine fieberheißeRechte preßt des Sohnes Hand:
„Manfred, lausche meinen Worten!Drüben auf dem MarmortischeMit den Greifen liegt mein gültigUnterschrieben Testament.
Eine Kutte, drin zu sterben,Schenkten mir die braven Mönche,Daß ich meine Seele retteTrotz dem Bann des heil’gen Stuhls.
Manfred, meines Herzens Liebling,Laß den Herold auf den SöllerTreten und der Erde melden,Daß der Hohenstaufe schied.
Manfred mit den blonden LockenSarge prächtig ein die Kutte,Führe sie mit SchaugeprängeNach dem Dome von Palerm!
Weißt du, Liebling, das Geheimniß?Diese Nacht in einer SänfteTragen meine SarazenenSacht mich an den Strand des Meers.
Meiner harrt ein schwellend Segel.Auf des Schiffes Deck gelagert,Fahr’ entgegen ich dem MorgenUnd dem neugebornen Strahl.
Fern auf einem Vorgebirge,Das in blaue Flut hinausragt,Steht ein halb zertrümmert KlosterUnd ein schlanker Tempelbau.
Zwischen Kloster und RotundeSchlagen wir das Zelt im Freien.Selig athm’ ich Meer und Himmel,Bis mich Schlummer übermannt.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 239–240, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Kaiser Friedrich der Zweite“, Fassung 1.330.177 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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