Triumph der Tugend,
Johann Wolfgang von Goethe · 1749–1832
107 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1767
Zwote Erzählung.
Ich fand mein Mädgen einst alleinAm Abend so, wie ich sie selten finde.Entkleidet sah ich sie; dem guten KindeFiel es nicht ein,Daß ich so nahe bey ihr seyn,Neugierig sie betrachten könnte.Was sie mir nie zu sehn vergönnte,Des Busens volle Blüten wiesSie dem verschwiegnen kalten Spiegel, ließDas Haar getheilt von ihrem Scheitel fallen,Wie Rosenzweig’ um Knospen, um den Busen wallen.
Ganz auser mir vom niegefundnen Glükk’Sprang ich hervor; Jedoch wie schmollteSie, da ich sie umarmen wollte.Zorn spraih ihr furchtsam wilder Blikk,Die eine Hand sties mich zurükk,Die andre dekte das, was ich nicht sehen sollte.Geh, rief sie, soll ich deine Kühnheit dirVerzeyhen; eile weg von hier.
Ich, fliehn? Von heisser Glut durchdrungen -Ohnmöglich - Diese schöne ZeitVon sich zu stosen! Die GelegenheitKömmt nicht so leicht zurück. Voll ZärtlichkeitDen Arm um ihren Hals gezwungen, standIch neben ihrem Sessel, meine warme HandAuf ihrem heissen Busen, den zuvorSie nie berühret. Hoch emporStieg er und trug die Hand mit sich emporDann sank mit einem tiefen Athemzug er wieder,Und zog die Hand mit sich hernieder.So stand Dianens Jäger muthig da,Triumph gen Himmel hauchend, als er sah,Was ungestraft kein Sterblicher noch sah.
Mein Mädgen schwieg, und sah mich an; ein Zeichen,Die Grausamkeit fieng’ an sich zu erweichen,Geschmolzen durch die Fühlbarkeit.O Mädgen, soll mit list’gen StreichenKein Jüngling seinen Zweck erreichen,So müßt ihr niemals ruhig schweigen,Wenn ihr mit ihm alleine seyd.
Mein Arm umschlang mit angestrengten SehnenDie weiche Hüfte. Fast - fast - doch des Sieges LaufHielt schnell ein glüh’nder Strom von ThränenUnwiderstehlich auf.
Sie stürzt mir um den Hals, rief schluchsend: RetteMich unglükseelige, die niemand retten kannAls du geliebter. Gott! ach hätteDir nie diß Herz gebrandt! Ich sah dich, da begannMein Elend; Bald, bald ist’s vollendet.O Mutter, welchen LohnGab ich den treuen Lehren, die du mir verschwendet,Diß Herz zu bilden! Musste sich dein DrohnSo fürchterlich erfüllen:Würd’ ich eine ThatVor dir verhüllen,Deinen RathVerachten, selbst mich weise dünken;Würd’ ich versinken.Ich sinke schon; o rette mich! -Sey stark mein Freund, o rette dich!Wir beyde sind verlohren - Freund, Erbarmen!Noch hielt ich sie in meinen Armen.Sie sah voll Angst rings um sich her.Wie Wellen auf dem Meer,Deß Grund erbebte, schlug die Brust, dem MundeEntrauscht’ ein Sturm. Sie seufzte: Unschuld - ach wie klangDiß Wort so lieblich, wenn in mitternächt’ger StundeAn meinem Haupt’ es mir mein Engel sang.Jetzt rauscht’s wie ein Gewitterton vorüber.Sie rief’s. Es ward ihr Auge trüber,Sah sternen an. Sie betet: SiehAus deiner Unschuldswohnung, Herr, auf mich herüber,Erbarme dich! EntziehDer reissenden Gefahr mich. DuVermagst’s allein; der ist zu schwach dazu,Der Mensch, zu dem ich vor dir betete.Naht euch, Verführer, deren Wange nieVon heilgem Graun erröthete,Wenn eure Hand gefühllos, wieDie Schnitter Blumen, Unschuld tödete,Und euer Siegerfuß darüber tretend, sieDurch Hohn zum zweyten Male tödete,Naht euch. Betrachtet hieDer Vielgeliebten Thränen rollen;Hört ihre Seufzer, hört die feuervollenGebete. Wehe dem, der dannNoch einen Wunsch zu ihrem Elend wollen,Noch einen Schritt zum Raube wagen kann!
Es sank mein Arm, aus ihm zur Erd’ sie nieder,Ich betet’, weint’, und riß mich los, und floh.
Den nächsten Tag fand ich sie wiederBey ihrer Mutter, als sie froh,Der freudbethränten Mutter Unschuldslieder,Mit Engelstimmen sang.O Gott, wie drang ein Wonnestrahl durch’s Herz mir! NiederZur Erde blikkend standIch da. Sie fasst mich bey der Hand,Führt mich vertraulich auf die Seite,Und sprach: Dank es dem harten Streite,Daß du zur Sonn’ unschuldig blikst,Bey’m Anblick jener heil’gen nicht erschrikst,Mich nicht verachtend von dir schikst.Freund, dieses ist der Tugend Lohn;O, wärst du gestern thränend nicht entflohn,Du sähst mich heuteUnd ewig nie mit Freude.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Annette. S. 44-57, ohne Angabe, Leipzig, 1767
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Triumph der Tugend, Zwote Erzählung“, Fassung 1.001.751 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.