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Versbuch

Am Thurme

Annette von Droste-Hülshoff · 17971848

32 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1879

Ich steh’ auf hohem Balkone am Thurm,Umstrichen vom schreienden Staare.Und lass’ gleich einer Mänade den SturmMir wühlen im flatternden Haare;O wilder Geselle, o toller Fant,Ich möchte dich kräftig umschlingenUnd, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom RandAuf Tod und Leben dann ringen!

Und drunten seh’ ich am Strand, so frischWie spielende Doggen, die WellenSich tummeln rings mit Geklaff und GezischUnd glänzende Flocken schnellen.O, springen möcht’ ich hinein alsbald,Recht in die tobende Meute,Und jagen durch den korallenen WaldDas Walroß, die lustige Beute!

Und drüben seh’ ich ein Wimpel wehnSo keck wie eine Standarte,Seh’ auf und nieder den Kiel sich drehnVon meiner luftigen Warte;O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff,Das Steuerruder ergreifenUnd zischend über das brandende RiffWie eine Seemöve streifen.

Wär’ ich ein Jäger auf freier Flur,Ein Stück nur von einem Soldaten,Wär’ ich ein Mann doch mindestens nur,So würde der Himmel mir rathen;Nun muß ich sitzen so fein und klar,Gleich einem artigen Kinde,Und darf nur heimlich lösen mein Haar,Und lassen es flattern im Winde!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gesammelte Schriften von Annette Freiin von Droste-Hülshoff. Band 1: Lyrische Gedichte. Seite 125–126, J. G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart, 1879
Digitalisat
de.wikisource.org — „Am Thurme“, Fassung 4.218.653 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Annette von Droste-Hülshoff starb 1848; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1918 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118527533 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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