Locke und Lied
Annette von Droste-Hülshoff · 1797–1848
32 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1879
Meine Lieder sandte ich dir,Meines Herzens strömende Quellen,Deine Locke sandtest du mir,Deines Hauptes ringelnde Wellen;Hauptes Welle und Herzens Flut,Sie zogen einander vorüber;Haben sie nicht im Kusse geruht?Schoß nicht ein Leuchten darüber?
Und du klagest: verblichen seiDie Farbe der wandernden Zeichen;Scheiden thut weh, mein Liebchen, ei,Die Scheidenden dürfen erbleichen;Warst du blaß nicht, zitternd und kalt,Als ich von dir mich gerissen?Blicke sie an, du Milde, und bald,Bald werden den Herrn sie nicht missen.
Auch deine Locke hat sich gestreckt,Verdrossen, gleich schlafendem Kinde,Doch ich hab’ sie mit Küssen geweckt,Hab’ sie gestreichelt so linde,Ihr geflüstert von unsrer Treu’,Sie geschlungen um deine Kränze,Und nun ringelt sie sich aufs neu,Wie eine Rebe im Lenze.
Wenig Wochen, dann grünet der Stamm,Hat Sonnenschein sich ergossen,Und wir sitzen am rieselnden Damm,Die Hand’ in einander geschlossen,Schaun in die Welle und schaun in das Aug’Uns wieder und wieder und lachen,Und Bekanntschaft mögen dann auchDie Lock’ und der Liederstrom machen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gesammelte Schriften, Band 1: Lyrische Gedichte. Seite 178–179, J. G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart, 1879
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Locke und Lied“, Fassung 956.177 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Annette von Droste-Hülshoff starb 1848; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1918 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118527533 der Deutschen Nationalbibliothek.
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