Sturm
Heinrich Heine · 1797–1856
40 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Es wüthet der Sturm,Und er peitscht die Well’n,Und die Wellen, wuthschäumend und bäumend,Thürmen sich auf, und es wogen lebendigDie weißen Wasserberge,Und das Schifflein erklimmt sieHastig mühsam,Und plötzlich stürzt es hinabIn schwarze, weitgähnende Fluthabgründe –
O Meer!Mutter der Schönheit, der Schaumentstiegenen!Großmutter der Liebe! schone meiner!Schon flattert, leichenwitternd,Die weiße, gespenstische Möve,Und wetzt an dem Mastbaum den SchnabelUnd lechzt, voll Fraßbegier, nach dem Mund,Der vom Ruhm deiner Tochter ertönt,Und lechzt nach dem Herzen,Das dein Enkel, der kleine Schalk,Zum Spielzeug erwählt.
Vergebens mein Bitten und Flehn!Mein Rufen verhallt im tosenden Sturm,Im Schlachtlärm der Winde;Es braußt und pfeift und prasselt und heult,Wie ein Tollhaus von Tönen!Und zwischendurch hör’ ich vernehmbarLockende Harfenlaute,Sehnsuchtwilden Gesang,Seelenschmelzend und seelenzerreißend,Und ich erkenne die Stimme.
Fern an schottischer Felsenküste,Wo das graue Schlößlein hinausragtUeber die brandende See,Dort am hochgewölbten Fenster,Steht eine schöne, kranke Frau,Zartdurchsichtig und marmorblaß,Und sie spielt die Harfe und singt,Und der Wind durchwühlt ihre langen Locken,Und trägt ihr dunkles LiedUeber das weite, stürmende Meer.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Buch der Lieder, Die Nordsee, Erster Cyklus, S. 330–331, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Sturm“, Fassung 3.779.744 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.
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