Mein Wannenbad
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
42 Zeilen · zuerst gedruckt 1929
Es muß wieder mal sein.Also: Ich steige hineinIn zirka zwei Kubikmeter See.Bis übern Bauch tut es weh.Das Hähnchen plätschert in schamlosem Ton,Ich atme und schnupfe den Fichtenozon,Beobachte, wie die Strömung läuft,Wie dann clam, langsam mein Schwamm sich besäuft.Und ich ersäufe, um allen DürstenGerecht zu werden, verschiedene Bürsten.Ich seife, schrubbe, ich spüle froh.Ich suche auf AusguckVergebens nach einem ertrinkenden Floh,Doch fort ist der Hausjuck.Ich lehne mich weit und tief zurück,Genieße schaukelndes Möwenglück.Da taucht aus der blinkenden Fläche, wieEine Robinsoninsel, plötzlich ein Knie;Dann – massig – mein Bauch – eines Walfisches Speck.Und nun auf Wellen (nach meinem BeliebenHerangezogen, davongetrieben),Als Wogenschaum spielt mein eigenster DreckUnd da auf dem Gipfel neptunischer Lust,Klebt sich der Waschlappen mir an die Brust.Brust, Wanne und Wände möchten zerspringen,Denn ich beginne nun, dröhnend zu singenDie allerschwersten Opernkaliber.Das Thermometer steigt über Fieber,Das Feuer braust, und der Ofen glüht,Aber ich bin schon so abgebrüht,Daß mich gelegentlich Explosionen –– Wenn’s an mir vorbeigeht – –Erfreun, weil manchmal dabei was entzweigeht,Was Leute betrifft, die unter mir wohnen.Ich lasse an verschiedenen StellenNach meinem Wunsch flinke Bläschen entquellen,Erhebe mich mannhaft ins Duschengebraus.Ich bück mich. Der Stöpsel rülpst sich hinaus,Und während die Fluten sich gurgelnd verschlürfen,Spannt mich das Bewußtsein wie himmlischer Zauber,Mich überall heute zeigen zu dürfen,Denn ich bin sauber. –
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Flugzeuggedanken, 1. Auflage, Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1929
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Mein Wannenbad“, Fassung 3.779.913 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.