Conquistadores
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
104 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Zwei edle Spanier halten WachtUnd einer spricht zum andern:„Señor, mir däucht, der Teufel lacht,Wie wir ins Leere wandern!Das Segel rauscht, es rauscht der Kiel,Noch keines Strandes Boten –Die Hölle treibt mit uns ihr Spiel,Wir fahren zu den Todten!
Wer einem Genuesen traut,Hat den Verstand verloren!Die Klugen hat er schlecht erbaut,Doch lockt er alle Thoren –Rund sei die Erde, log er mir,Wie Pomeranzenbälle,Doch unermeßlich fluthet hierNur Welle hinter Welle!“
Der Andre blickt ins Meer hinausUnd runzelt finstre Brauen:„Señor, mich zog Columb ins Haus,Ließ mich die Karten schauen,Was er docirt’, verstand ich nicht,Ich ließ es alles gelten –Sein übermächtig AngesichtVerhieß mir neue Welten!
Betrog er sich und haben wirUns in das Nichts verlaufen,Ein räud’ger Hund, Señor, wie IhrDarf fröhlich mit ersaufen!“– „Señor, da betet Ihr nicht gut!Zurück Euch in den RachenDen räud’gen Hund! Ihr raucht von BlutUnd Ihr entsprangt den Wachen!“
„Señor, ich dolcht’ ein falsches Weib,Bekenn’ ich unverhohlen!Nicht hab’ dem Bäcker einen LaibVom Bret ich weggestohlen!Señor, Ihr seid ein Galgenstrick!“– „Señor, Ihr seid nicht besser!“Sie ziehen mit entflammtem BlickUnd kreuzen blanke Messer …
Da zwischen ihre Messer walztIn tollem Freudensprunge,Mit ölgetränkten Fingern schnalztMiguel, der Küchenjunge.Er drückt die Lider blinzelnd einMit schlauem Wimperzwinken,Bald hüpft er auf dem rechten Bein,Bald hopst er auf dem linken,
In Lüften bläht sich sein Gewand,Es puffen ihm die Hosen –Neugierig kommen hergeranntSoldaten und Matrosen.Der Junge redet kunterbunt,Als ob’s im Kopf ihm fehle,Dann öffnet er den großen MundUnd singt aus voller Kehle:
„Das Heimchen zirpt, das Heimchen zirpt,Stimmt Laudes an und Psalmen!Und wenn’s mir nicht vor Freude stirbt,Bald weidet’s unter Halmen!Ich schwör’ es euch bei Gottes Haupt:Es atmet duft’ge Weiden,Es wittert Wälder dichtbelaubtUnd unermessne Haiden!
Erlauchte Herren, gebet Acht,In meinem engen RäumchenHat unsre Meerfahrt mitgemachtEin andalusisch Heimchen –Mitnahm ich’s aus dem Vaterland,Mich scheidend zu beschenken,Ich fing’s mit flinkem Griff der HandZu einem Angedenken.
Da wir zu Schiffe stiegen dort,Die Zierden aller Lande,Zirpt’ Heimchen mir im Busen fort,Als weidet’s noch am Strande.Das grüne Vorgebirg verschwand,Dem Heimchen ward es schaurig,Beklommen saß es an der WandUnd wurde faul und traurig.
So darbt’s und dämmert’s langezeit,Schon gab ich es verloren,Und nun, bei meiner Seligkeit,Ist Heimchen neu geboren!Bedenkt, es hockte gram und lahmAn Dielen und an Wänden,Jetzt jubelt’s wie ein BräutigamUnd kann nur gar nicht enden!“
Miguel ist fort und wieder da,Die Fingerspitze zeigend:Da sitzt es ja! da singt es ja!Die Männer lauschen schweigend –Dann sinnen sie der Sache nach,Den Lustgesang im Ohre,Sie schütteln sich die Hände jachUnd schrei’n in wildem Chore:
„Das Heimchen zirpt! Das Heimchen zirpt!Bald schwelgen wir in Beute!Wer spielt, gewinnt! Wer wagt, erwirbt!Wir sind gemachte Leute!Die Küste winkt! Das Gold erblinkt,Davon die Sagen melden!Das Morgen steigt! Das Gestern sinkt!Wir sind berühmte Helden!“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 282–285, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Conquistadores“, Fassung 2.085.068 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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