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Versbuch

Martinique

Rudolf Lavant · 18441915

33 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1902

Wenn Luft sich machen unterird’sche GluthenUnd rings der Donner ihres Zornes schreckt,Wenn Aschenregen und der Lava FluthenDie blühenden Gelände überdeckt,Wenn der Vulkan in seinem blinden RasenIns Thal den Hagel heißer Trümmer schickt,Wenn tückisch er mit seinen gift’gen GasenZu Tausenden die Flüchtenden erstickt ―

Dann faßt die Menschheit ein gewalt’ger SchauerUnd manche Wange wird vor Mitleid blaß;Auf allen Herzen lastet schwere TrauerUnd weicher Menschen Augen werden naß;Und überall wird tief und schwer empfundenAls ein vernichtender, gewalt’ger SchlagDas düstre Unheil, dem in schwarzen StundenDie schöne Insel fern im Meer erlag.

Und doch ist das, was in gespenst’ger SchnelleDie Tausende versenkt in bittern Tod,Nur eine einz’ge, eine kleine WelleIn einem Meer des Grames und der Noth,Und die um Mitleid für die Insel werben,Die jäh zum Friedhof das Geschick gemacht,Sie lassen kühl und ungerührt verderbenMillionen Brüder in des Elends Nacht.

Das Elend wimmelt in den engen Gassen,Verkommen, hungrig, rußig und verstaubt,Doch hat den Reichen dieses Loos der MassenNur eine Stunde je des Schlafs geraubt? ―So sammelt denn mit christlichem Erbarmen,Mit frommen Worten und umflortem BlickAn allen Ecken gründlich für die Armen,Die heute übrig noch auf ― Martinique.R.L.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der Wahre Jacob, J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1902
Digitalisat
de.wikisource.org — „Martinique“, Fassung 3.440.211 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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