An W.
Joseph von Eichendorff · 1788–1857
40 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt off
16.An W.Zum Abschiede. Im Jahre 1813.
Steig’ aufwärts, Morgenstunde!Zerreiß’ die Nacht, daß ich in meinem WeheDen Himmel wiedersehe,Wo ew’ger Friede in dem blauen Grunde!Will Licht die Welt erneuen:Mag auch der Schmerz in Thränen sich erfreuen.
Mein lieber Hertzensbruder!Still war der Morgen – Ein Schiff trug uns beide,Wie war die Welt voll Freude!Du faßtest ernst und fromm das schwanke Ruder,Uns beide treulich lenkend,Auf froher Farth nur Einen Stern bedenkend.
Mich irrte manches Schöne,Viel reizte mich und viel mußt’ ich vermißen.Von Lust und Schmertz zerrißen,Was so mein Hertz hinausgeströmt in Töne:Es waren WiderspieleVon Deines Busens ewigem Gefühle.
Da ward die Welt so trübe,Und Wetter stiegen auf die Bergesspitzen,Der Himmel borst in Blitzen,Daß neugestärkt sich Deutschland draus erhübe. –Nun ist das Schiff zerschlagen,Wie soll ich ohne Dich die Fluth ertragen! –
Aus Einem Fels geboren,Vertheilen kühlerauschend sich zwei Quellen,Die eigne Bahn zu schwellen.Doch wie sie fern einander auch verloren:Es treffen ächte BrüderIm ew’gen Meere doch zusammen wieder.
So wolle Gott Du flehen,Daß Er mit meinem Blut und Leben schalte,Die Seele nur erhalte,Auf daß wir freudig einst uns wiedersehen,Wenn nimmermehr hinieden:So dort, wo Heimat, Licht und ew’ger Frieden.
Joseph Freih. v. Eichendorff.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Autograph in der UB Bielefeld, off, off
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „An W. (Eichendorff)“, Fassung 3.031.792 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joseph von Eichendorff starb 1857; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1927 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118529390 der Deutschen Nationalbibliothek.
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