Geheimnis
Kurt Tucholsky · 1890–1935
46 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1929
Jüngst betraf mich ein Japaner,und in des Gespräches Wellen,als wir von Matrosen sprachen,ließ er ein klein Wörtlein fallen:„Skibi“.
„Was bedeutet das, Geehrter?“fragt ich leicht und glatt und höflich.„Nie noch hört ich diese Silben:Skibi –?
Ists ein Laster? Ein Gesellschafts-spiel? Kann man es konsumieren?Tun Matrosen es? Mit wem wohl?Skibi –?“
Der Japaner nickte höflich,lächelte und schwieg. Und seitdemhockt auf mir der Skibi-Wahnsinn.Skibi! zwitschern alle Spatzen.Skibi-skibi! gellt die Hupe.Und die Stadtbahn-Wagenachsenrattern: Skibi-skibi-skibi …!
Skibi! piept die Bodenmaus.Und so sieht die Sonne aus:
Traurig krauche ich durchs Leben.Kann mir niemand Rettung geben?Auf, nach Japan laßt mich fahren,seekrank, heiß, mit Möwenscharenwochenlang in Schiffsbewegung,II. Klasse (mit Verpflegung) –Und ich seh nicht Palästina,Indien nicht an und China –Bombay nicht und nicht Kalkutta,in Port-Said die Kuppelmutter …Ungegessen, ungeschlafen,fahr ich.
Auf dem Quai im Japan-Hafenspring ich auf den ersten Besten,halt ihn an am Knopf der Westen –schreiend frag ich:„Was ist Skibi –?“
Der Japaner, kalten Blutes,spricht: „Das fragt man nicht. Man tut es.Skibi-skibi-skibi-skibi –!“
In die Heimat fährt ein Greis.Stumm. Zerbrochen. Haar schlohweiß.Geht ins Kloster als Trappist,weil er nicht weiß, was Skibi ist.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Das Lächeln der Mona Lisa, S. 335-337, Rowohlt, Berlin, 1929
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Geheimnis (Tucholsky)“, Fassung 1.331.338 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.
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