Die Tote im Wasser
Georg Heym · 1887–1912
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1911
Die Masten ragen an dem grauen WallWie ein verbrannter Wald ins frühe Rot,So schwarz wie Schlacke. Wo das Wasser totZu Speichern stiert, die morsch und im Verfall.
Dumpf tönt der Schall, da wiederkehrt die FlutDen Kai entlang. Der Stadtnacht Spülicht treibtWie eine weiße Haut im Strom und reibtSich an dem Dampfer, der im Docke ruht.
Staub, Obst, Papier, in einer dicken Schicht,So treibt der Kot aus seinen Röhren ganz.Ein weißes Tanzkleid kommt, in fettem GlanzEin nackter Hals und bleiweiß ein Gesicht.
Die Leiche wälzt sich ganz heraus. Es blähtDas Kleid sich wie ein weißes Schiff im Wind.Die toten Augen starren groß und blindZum Himmel, der voll rosa Wolken steht.
Das lila Wasser bebt von kleiner Welle.– Der Wasserratten Fährte, die bemannenDas weiße Schiff. Nun treibt es stolz von dannen,Voll grauer Köpfe und voll schwarzer Felle.
Die Tote segelt froh hinaus, gerissenVon Wind und Flut. Ihr dicker Bauch entragtDem Wasser groß, zerhöhlt und fast zernagt.Wie eine Grotte dröhnt er von den Bissen.
Sie treibt ins Meer. Ihr salutiert NeptunVon einem Wrack, da sie das Meer verschlingt,Darinnen sie zur grünen Tiefe sinkt,Im Arm der feisten Kraken auszuruhn.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Der ewige Tag. S. 19-20, 1. Auflage, Rowohlt, Leipzig, 1911
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Tote im Wasser“, Fassung 3.578.386 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Georg Heym starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550683 der Deutschen Nationalbibliothek.
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