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Versbuch

Das rothe Jahr.

Rudolf Lavant · 18441915

101 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1902

Wenn einer Wahlschlacht Abend naht,Und Licht auf Licht sich still entzündet,Und wenn elektrisch dann der DrahtDem Reiche unsre Siege kündet,Wenn sie verblüfft, bestürzt und blaßVon Hand zu Hand das Blatt sich reichen,Wenn sie mit einem: „Es ist kraß!“Die schlimmen Ziffern stumm vergleichen,Wenn man sich tief bekümmert sagt,Kopfschüttelnd und mit leisem Grauen,Daß es nun doch mit Schrecken tagtAuch in bisher „immunen“ Gauen,Wenn man sich seufzend eingesteht,Daß auf dem letzten Loch man blase,Da es rapid zu Ende gehtMit der bewährten Macht der Phrase,Wenn man sich sagt mit bleichem Mund,Daß nirgends unser Vormarsch stocke,Und daß vom Ofen keinen HundMan länger mit Tiraden locke,Dann schwillt das Herz uns in der Brust,Als ob es keinen Platz mehr fände,Dann drücken wir uns selbstbewußtIn frohem Stolz die Bruderhände,Dann nennen unser Kämpferloos,Wennschon ein Tag für Tag bedrohtes,Wir opferfreudig schön und groß,Dann nennen wir das Jahr ― ein rothes.

Wir haben manches solche JahrUnd keine Zeit macht sie zu nichte,Denn jedes dieser Jahre warEin Markstein in der Weltgeschichte.Und ein gewaltig Echo fandDer Donner jedes rothen JahresVom Rewa- und vom DünastrandBis an den Strand des Manzanares,Und in Sibiriens WüsteneienErfüllte Herzen er mit Wonne,Wie unterm goldnen SonnenscheinDes Weingeländs an der Garonne.Ein jeder Sieg der VorderhutEntzündet ja der Hoffnung KerzenUnd füllt mit Zuversicht und MuthGebeugte und verzagte Herzen;Von Land zu Land, von Meer zu MeerBerauschten, stählten und entzücktenMit einem Schlage wir das HeerDer Duldenden, der Unterdrückten.

Nicht uns allein galt unsre That,Nicht eignes Heil war unser Trachten ―Für’s ganze ProletariatSchlug Deutschland die Befreiungsschlachten.Und nun ― uns allen sei es klar! ―Nun steht erwartungsvoll die ErdeUnd fragt, ob dieses nächste JahrFür alle Welt ein rothes werde.

Und was da mannhaft fühlt und frei,Das hält den Blick auf uns gewendet,Das will, daß neunzehnhundertdreiEin prächt’ges Zorngewitter spendet,Das hofft auf einen Siegestag,Vor dem die frühern all verblassen,Das hofft auf einen KeulenschlagVon Seiten der empörten Massen,In denen jeden Tropfen BlutDer von der blinden Gier entfachteMaßlose JunkerübermuthUnd Junkerhohn zum Sieden brachte.

Und soll das Volk für alle WeltZum Gegenstand des Spottes werden,Das zwischen Bodensee und BeltSich wappnet heut‘ mit Zorngeberden?Soll’s etwa heißen immerdarBei allen Völkern in der Runde,Daß Deutschland doch nicht würdig warDer unerhörten Gunst der Stunde?Daß wir nicht so, wie wir gemußt,Genutzt den ekelhaften Schacher,Daß wir zu treffen nicht gewußtIn’s Herz des Volkes Widersacher?

Doch nur getrost! Wir werden nichtDie rothen Fahnen selbst zerfetzen;Wir werden treu erkannter PflichtAn Alles mannhaft Alles setzen;Wir wissen, daß zum Sieg es geht,Daß wir die Junkersippe fällenUnd daß das rothe Banner wehtAm Abend von erstürmten Wällen.

Wohlauf denn, Landsturm der Partei!Ihr Kämpfer für des Volkes Rechte,Zersprengt mit einem RacheschreiDen Horst der Dränger und der Knechte,Macht ihren räuberischen Troß,Den alten Fluch der deutschen Lande,Macht siegend ihn mit Mann und RoßAn einem Schicksalstag zu Schande,Und sorgt, daß neunzehnhundertdreiFür unsre kampferprobten SchaarenDas glänzendste und schönste seiVon all den stolzen rothen Jahren!R. Lavant.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
off, Paul Singer & Co., Berlin, 1902
Digitalisat
de.wikisource.org — „Das rothe Jahr“, Fassung 3.562.914 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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