Lord Athol
Theodor Fontane · 1819–1898
112 Zeilen in 28 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Lord Athol kniet im BeichtstuhlVor dem Bischof von Aberdeen:„Frommer Bischof, ich fühl’ ein FeuerIn Mark und Adern glühn.
O lösch mit Gebet und GnadeMir das Feuer im Herzen aus; –Unter weißen Schlehn im WaldeStand ein einsam Jägerhaus.
Es stand im Wald unter weißen Schlehn,Seit drei Nächten steht es nicht mehr,Ich legte Stroh und ReisigUnd Strauchwerk rings umher.
Die Flammen verzehrten alles,Das Haus und den Mönch und mein Kind;Sie liebten sich, sie küßten sich,Ihre Asche hat der Wind.“
Der fromme Bischof von AberdeenHat sich seufzend abgekehrt;„Lord Athol, ich kann nicht löschenDas Feuer, das dich verzehrt.
Deiner Tochter stille Asche,Die hinweht über die Flur,Sie flüstert von Deiner SündeWider Gott und die Natur.
Und die sündige Seele des MönchesDie jetzt in Flammen kreist,Schreit auf über deine UnthatWider Gott und den heiligen Geist.
Die Schuld hinweg zu waschen,Hat die Welt nur einen Strom,Brich auf und wirf Dich niederVor dem heiligen Vater in Rom.“
Lord Athol nahm eines Pilgers Kleid,Zog hin über Land und Meer,Er trat in die Peterskirche, –Viel Tausend knieten umher.
Der Papst, in Gold und Purpur,Stand da mit verklärtem Gesicht, –Es war am Gründonnerstage,Wo er Worte des Segens spricht.
Und als er der SegensworteAllerheiligstes nun begann,Da begann seine Stimme zu bebenUnd ein Schauer faßte ihn an;
Und der Kelch in seiner RechtenEntglitt seiner zitternden Hand; –Es rollten die rothen TropfenHin über den weißen Sand,
Todtblaß der heilige Vater,Vor Entsetzen stand er da,Dann hob er mit Macht seine Stimme:„Ein Verfluchter ist uns nah!
Er hat nicht Theil am SegenUnd nicht Theil an Christi Huld,Der Kelch mit dem Blute des HeilandsErbebte vor seiner Schuld.
Unseliger, flieh! diese WändeSie haben für Dich nicht Raum! –“Lord Athol schwankte von dannen,Seine Füße trugen ihn kaum.
Er schritt an’s Meer, zu Schiffe,Es kamen Ebb’ und Fluth,Die Jahre kamen und gingenIm Herzen blieb die Gluth.
Er kniete am heiligen Grabe,Er fuhr über Land und See,Die Jahre kamen und gingen,Im Herzen blieb das Weh.
Und heimwärts endlich fuhr erUeber Land und über Meer,Er trat in Hof und Halle,Und Hof und Halle war leer.
Im Kamine lag todte Asche,Drüber hing seines Kindes Bild,Hing unter Staub und SpinnwebUnd lächelte doch so mild.
Und mild kam’s über Lord Athol:„Ich kenn eine stille Stell’,Eine einsame Stell’ im Walde,Da bau’ ich Kirch’ und Kapell’.
Ich bau sie mit eigenen HändenUnd will schlafen auf Stein und Streu,Die Stätte, wo ich gefrevelt,Sei auch Stätte meiner Reu.“
Und Schloß und Hof und HalleVerließ er alsobald,Nacht dämmerte in den Zweigen,Da schritt er hinab in den Wald.
Er kam an den Platz; über TrümmernBlüthen wieder die weißen Schlehn; –Auf dem Estrich, in grauer Kapuze,Sah einen Mönch er stehn.
„Knie nieder zur Stell’, Lord Athol,Ich kenn’ deine Beichte schon,Knie nieder zur Stell’, Lord Athol,Und empfange die Absolution.“
„„Wer bist Du, dessen FreispruchAn dieser Stätte mich sucht?Wer bist Du, der begnadet,Wo der heilige Vater flucht?““
„Bin ein Fremdling worden, Lord Athol,Mein Land ist fern und weit,Knie nieder zu Stell, knie niederUnd bete und sei bereit.“
Lord Athol kniete lange,Thau fiel und Morgenduft,Der Fremde zerrann in NebelUnd der Nebel zerrann in Luft.
Im Walde sangen die Vögel,An den Zweigen hing Morgenroth,Lord Athol kniete noch immer, –Sie fanden ihn kalt und todt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 373–377, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Lord Athol“, Fassung 1.718.000 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.