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Versbuch

An das Wasser

Gustav Schwab · 17921850

59 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1828

3.An das Wasser.1825.Wir stehen an des Jahres Schwelle,Ein Thor der Zeit ist aufgethan;Doch hinter uns wogt deine Welle,Du tobend Element, uns an.Wir blicken rückwärts noch mit Schrecken:Folgst du uns durch die Pforte nach?Willst wieder unsre Fluren decken,Und wallen über unser Dach?

Was in der Zukunft sey verborgen,Wir brüteten darob ein Jahr,Wir stritten uns um unsre Sorgen; –Da braust uns nahe die Gefahr;Die Völker hören auf zu hadern,Sie schweigen staunend, grau’n-erfüllt,Indeß dein Strom aus allen AdernDer alten Erde zornig quillt.

Willst du den Boden wieder fressen,Der einst entstiegen deinem Schooß?Zürnst du dem Menschen, der vermessenDich furchet auf dem stolzen Floß?Der spielend, mit beseelten Dämpfen,Durch deine wilden Wogen schlüpft,Und trotz der Winde grimmen KämpfenDas leichte Boot an’s Ufer knüpft?

Du wirst ihn doch nicht unterwerfen:Aus deiner Tiefe strömst du nur,Ihm dessen Willen einzuschärfen,Der Herr ist über die Natur;Erkennet er des Schöpfers Stärke,Und übt in Demuth seinen Geist,So schützt ihn der bei’m guten Werke,Der deine Fluth sich legen heißt.

Er brauchet dich zu seiner Ehre,Sein Wort bezeichnet dir die Bahn;Hier schwellest du den Fluß zum Meere,Und klopfest an Pallästen an;Dort schützest du der Helden NachenDie stolzer Dränger Schrecken sind,Und wiegst die Freiheit im ErwachenAuf deinem Pfühl, das zarte Kind.

Und wo mit unbarmherz’gen FluthenDein Strom des Armen Flur erreicht,Da öffnet Gott die Hand der Guten,Da wird des Nachbarn Herz erweicht;Da sprießt in tausend gold’nen AehrenDie reiche Saat des Mitleids auf,Und, wo er meinte zu verheeren,Entkeimet Segen deinem Lauf.

So diene denn dem Herrn der ErdeIm neuen Jahr, du dunkle Kraft!Wir glauben, daß er schirmen werde,Was Leib und Seele Heil verschafft.Und ob den Himmel Nacht umzogen,Und ob ein Sturm die Welt durchweht:Wir sehen seinen Friedensbogen,Der über allen Wassern steht.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte. 1. Band, S. 161–163, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 1828
Digitalisat
de.wikisource.org — „An das Wasser“, Fassung 1.350.686 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Gustav Schwab starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118762745 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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