Gränzen der Menschheit
Johann Wolfgang von Goethe · 1749–1832
42 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1827
Wenn der uralteHeilige VaterMit gelassener HandAus rollenden WolkenSegnende BlitzeUeber die Erde sä’t,Küss’ ich den letztenSaum seines Kleides,Kindliche SchauerTreu in der Brust.
Denn mit GötternSoll sich nicht messenIrgend ein Mensch.Hebt er sich aufwärts,Und berührtMit dem Scheitel die Sterne,Nirgends haften dannDie unsichern Sohlen,Und mit ihm spielenWolken und Winde.
Steht er mit festenMarkigen KnochenAuf der wohlgegründetenDauernden Erde;Reicht er nicht auf,Nur mit der EicheOder der RebeSich zu vergleichen.
Was unterscheidetGötter von Menschen?Daß viele WellenVor jenen wandeln,Ein ewiger Strom:Uns hebt die Welle,Verschlingt die Welle,Und wir versinken.
Ein kleiner RingBegränzt unser Leben,Und viele GeschlechterReihen sich dauerndAn ihres DaseynsUnendliche Kette.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Goethe’s Werke. Vollständige Ausgabe letzter Hand. Zweyter Band. 1827 S. 81–82, J. G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart und Tübingen, 1827
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Gränzen der Menschheit (1827)“, Fassung 3.638.930 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.
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