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Versbuch

Weihnachtsspaziergang

Otto Ernst · 18621926

72 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1907

Täglich fast aus meines Dorfes Frieden,Wo ich zwischen Feld und Büschen wohne,Wo ich sieben Nachtigallen höre,Wo mich Fink und Amsel lang schon kennenUnd mich keck beäugen, wenn ich nahe,Wo die Welt im Sommer eine LaubeUnd ein silberweißer Dom im Winter,Wo vom Schreibtisch ich den Habicht schwebenSehe duch des Himmels große Stille –Täglich fast aus meines Dorfes Frieden,Wo ich Ruhe, Traum und Klarheit atme,Lenk’ ich meinen Schritt zur nahen Weltstadt,Um zu fühlen, was ich sonst vergäße,Daß die Welt nicht Klarheit, Traum und Frieden,Nicht ein heimlich Wohnen zwischen Hecken,Ach, kein Spiel mit Fink und Drossel ist.

In das weite, wilde Meer der MenschenTauch’ ich unter dann und laß mich treiben.Ja, sie sind wie windverstörte Wellen;Eine will die and’re überrennen,Und am letzten Strand zerschäumen alle.Wie sie jagen, stoßen, knirschen – wie sieNot und Habsucht durcheinander wirbelt!Nur geradeaus den Blick gerichtet,Drängen sie und trappeln sie und traben,Sehen nicht das stille Leben fluten,Sehn nicht, wie es stumm zu beiden SeitenFließt und fließt ins große Meer der Stille,Ewig ungelebt und ungenossen.Ach, sie leben nicht – nur, um zu leben!Vorwärts, vorwärts nur den Blick gerichtet,Treibt es sie die schattenlose StraßeFort, hinweg vom Schoß der großen Mutter.Und versunken in des wilden MeeresTote Tiefen ist die alte Kunde,Daß ein Glück sich dehnt in leichten Lüften,Friede wandert zwischen Halm und Hecken,Daß ein off’nes, frohes MenschenaugeWie ein See des Paradieses glänzt.

Einmal nur im Jahre find’ ich’s anders!Brach herein der Weihnacht heil’ge Frühe,Nehm ich Hut und Stock und wand’re fröhlichIn die große Stadt. So tat ich heute.Drängen, Treiben seh’ ich heut’ wie immer,Seh’ ein wogend Meer wie alle Tage;Aber auf den Fluten dieses MeeresRuht wie Sonnenschein ein einzig Lächeln.Und – o frommes Wunder ohnegleichen,Selbst der Kaufherr, dessen Furcht und HoffnungSonst um Indiens Silberminen kreisen,Heimgefunden hat er in den FriedenEiner höheren und stiller’n Welt.

Lächeln seh’ ich in entspannten MienenUnd wo Lächeln nicht, doch einen GlaubenAn das Lächeln. Starre Blicke seh’ ichWohl wie sonst, allein sie starren glänzendIn ein Licht, das sie allein erschauen.Welches Glaubens sie und welches Sinnes,Einmal wieder haben sie’s vernommen,Einmal glauben sie die frohe Botschaft,Daß ein Glück mag kommen aus den Lüften,Daß ein Friede wohnt in grünen Tannen,Daß ein liebend Wang’-an-Wange-SchmiegenAlle Not beschämt und alles Prangen,Daß ein off’nes, frohes MenschenaugeWie ein See des Paradieses glänzt.

Von versunk’nen Städten singt die Sage,Deren Glocken aus der Tiefe klingen.Geh’ ich weihnachts durch den Schwall der Straßen,Dringt durch allen Lärm ein stetes Klingen:Leise aus verlor’nen Gründen hör’ ichLäuten die versunk’ne Stadt des Glücks.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Siebzig Gedichte S. 45–47, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
Digitalisat
de.wikisource.org — „Weihnachtsspaziergang“, Fassung 1.623.324 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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