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Versbuch

Mit zwei Worten

Conrad Ferdinand Meyer · 18251898

20 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1882

Am Gestade Palästina’s, auf und nieder, Tag um Tag,„London?“ frug die Sarazenin, wo ein Schiff vor Anker lag.„London!“ bat sie lang vergebens, nimmer ward sie müd und zag,Bis zuletzt an Bord sie brachte eines Bootes Ruderschlag.

Sie betrat das Deck des Seglers und ihr wurde nicht gewehrt.Meer und Himmel. „London?“ frug sie, von der Heimath abgekehrt,Suchte, blickte, durch des Schiffers ausgestreckte Hand belehrt,Nach den Küsten wo die Sonne sich in Abendgluth verzehrt …

„Gilbert?“ fragt die Sarazenin im Gedräng der großen Stadt,Und die Menge lacht und spottet, bis sie dann Erbarmen hat.„Tausend Gilbert giebt’s in London!“ Doch sie schreitet nimmer matt.„Labe dich mit Trank und Speise!“ Doch sie wird von Thränen satt.

„Gilbert!“ „Nichts als Gilbert? weißt du keine andern Worte? nein?“„Gilbert!“ … „Hört, das wird der weiland Pilger Gilbert Becket sein –Den gebräunt in Sklavenketten glüher Wüste Sonnenschein –Dem die Bande löste heimlich eines Emirs Töchterlein –“

„Pilgrim Gilbert Becket!“ dröhnt es, braust es längs der Themse Strand.Sieh, da kommt er ihr entgegen, von des Volkes Mund genannt,Ueber seine Schwelle führt er, die das Ziel der Reise fand.Liebe wandert mit zwei Worten gläubig über Meer und Land.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Gedichte, S. 238, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
Digitalisat
de.wikisource.org — „Mit zwei Worten“, Fassung 1.330.187 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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Die Epoche ist die übliche literaturgeschichtliche Einordnung des AUTORS, nicht des einzelnen Gedichts. Ein spätes und ein frühes Werk desselben Verfassers stehen deshalb hier zusammen. Bei einigen Autoren ist die Einordnung geteilt; das steht dann auf der Epochenseite.