Baumblüte in Werder
Alfred Henschke · 1890–1928
22 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1927
Tante Klara ist schon um ein Uhr mittags besinnungslos betrunken.Ihr Satinkleid ist geplatzt. Sie sitzt im märkischen Sand und schluchzt.Der Johannisbeerwein hat’s in sich. Alles jubelt und juchztund schwankt wie auf der Havel die weißen Dschunken.
Waldteufel knarren, und Mädchenaugen glühn. Mutta,Mutta, kiek ma die Boomblüte. Ach du liebe Güte –Die Blüten sind alle erfroren.Ein einsamer Kirschbaum versucht zu blühn.
Eisige Winde wehn. In den Kuten balgt und sieltsich ein Kinderhaufen. Der Lenz ist da: ertönt es vonSeele zu Seele. Ein schon melierter Herr berappt für seine Tele,die ein Kinderbein für ein Britzer Knoblinchen hielt.
Vater spielt auf der Bismarckhöhe mit sich selber Skatund haut alle Trümpfe auf den Tisch, unbeirrt um dasWogen und Treiben der Menge. Braut und Bräutigamverlieren sich im Gedränge, ach, wie mancher erwacht amnächsten Morgen mit einer ihm bis dato unbekannten Braut.
Mutter Natur, wie groß ist deiner Erfindungen Pracht!Vor lauter Staub sieht man die Erde nicht.Tief geladen, mit Klumpen von Menschen beladen, stichtein Haveldampfer in See. Schon dämmert es. Ueber den Föhren erscheintdie sternklare, himmlische, die schweigsame Nacht.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Die Harfenjule S. 7–8, 1. Auflage, Die Schmiede, Berlin, 1927
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Baumblüte in Werder“, Fassung 3.781.035 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Alfred Henschke starb 1928; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1998 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 1182379923 der Deutschen Nationalbibliothek.
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