Gesang der Geister über den Wassern
Johann Wolfgang von Goethe · 1749–1832
35 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1789
Des Menschen SeeleGleicht dem Wasser:Vom Himmel kommt es,Zum Himmel steigt es,Und wieder niederZur Erde muß es,Ewig wechselnd.
Strömt von der hohen,Steilen FelswandDer reine Strahl,Dann stäubt er lieblichIn WolkenwellenZum glatten Fels,Und leicht empfangenWallt er verschleyernd,Leisrauschend,Zur Tiefe nieder.
Ragen KlippenDem Sturze entgegen,Schäumt er unmuthigStufenweiseZum Abgrund.
Im flachen BetteSchleicht er das Wiesenthal hin,Und in dem glatten SeeWeiden ihr AntlitzAlle Gestirne.
Wind ist der WelleLieblicher Buhler;Wind mischt vom Grund ausSchäumende Wogen.
Seele des Menschen,Wie gleichst du dem Wasser!Schicksal des Menschen,Wie gleichst du dem Wind!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Johann Wolfgang von Goethe: Goethes Schriften. Achter Band, G. J. Göschen. 1789. Seite 187-188, G. J. Göschen, Leipzig, 1789
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Gesang der Geister über den Wassern“, Fassung 1.464.090 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Johann Wolfgang von Goethe starb 1832; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1902 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118540238 der Deutschen Nationalbibliothek.
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