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Versbuch

Der Schiffbrüchige

Heinrich Heine · 17971856

48 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1827

Hoffnung und Liebe! Alles zertrümmert!Und ich selber, gleich einer Leiche,Die grollend ausgeworfen das Meer,Lieg’ ich am Strande,Am öden, kahlen Strande.Vor mir woget die Wasserwüste,Hinter mir liegt nur Kummer und Elend,Und über mich hin ziehen die Wolken,Die formlos grauen Töchter der Luft,Die aus dem Meer’, in Nebeleimern,Das Wasser schöpfen,Und es mühsam schleppen und schleppen,Und es wieder verschütten in’s Meer,Ein trübes, langweil’ges Geschäft,Und nutzlos, wie mein eignes Leben.

Die Wogen murmeln, die Möven schrillen,Alte Erinn’rungen wehen mich an,Vergessene Träume, erloschene Bilder,Qualvoll süße, tauchen hervor!

Es lebt ein Weib im Norden,Ein schönes Weib, königlich schön.Die schlanke ZypressengestaltUmschließt ein lüstern weißes Gewand;Die dunkle Lockenfülle,Wie eine selige Nacht, ergießt sichVon dem hohen, flechtengekrönten Haupte,Sie ringelt sich träumerisch süßUm das süße, blasse Antlitz;Und aus dem süßen, blassen Antlitz,Groß und gewaltig, strahlt ein Auge,Wie eine schwarze Sonne.

O, du schwarze Sonne, wie oft,Entzückend oft, trank ich aus dirDie wilden Begeist’rungsflammen,Und stand und taumelte, feuerberauscht –Dann schwebte ein taubenmildes LächelnUm die hochgeschürzten, stolzen Lippen,Und die hochgeschürzten, stolzen LippenHauchten Worte, süß wie Mondlicht,Und zart wie der Duft der Rose –Und meine Seele erhob sichUnd flog, wie ein Aar, hinauf in den Himmel!

Schweigt, ihr Wogen und Möven!Vorüber ist Alles, Glück und Hoffnung,Hoffnung und Liebe! Ich liege am Boden,Ein öder, schiffbrüchiger Mann,Und drücke mein glühendes AntlitzIn den feuchten Sand.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Buch der Lieder, Die Nordsee, Zweiter Cyklus, S. 348–350, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Schiffbrüchige“, Fassung 3.779.242 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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