Flaschenpost
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
35 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1910
Sie kämpften vergebens. Der Tod, er winkt.Das Schiff geborsten. Es sinkt – es sinktHinab in die Tiefe und schaurig klingtDer Mannschaft Fluchen und Weinen.Nur der Schiffer steht ruhig im wilden Orkan.Er weiß, er hat seine Pflicht getan.Noch ein scharfer Befehl, dann schließt er sich ein.Eine Flasche leert er vom köstlichsten WeinAuf Glück und Segen der Seinen.Es gurgelt im Schiffsraum. Zur Eile ’s ihn treibt.Er greift nach Tinte und Feder.Des Schiffes Schicksal und Grüße schreibtEr an Weib und Kind und den Reeder.Und die letzte Botschaft nach SeemannsbrauchVertraut er der Flasche gläsernem Bauch,Versiegelt den Hals, dann seufzt er schwerUnd über die Rayling ins brausende MeerWirft er das Glas mit dem Briefe.– – Ein Schiff ruht mehr in der Tiefe. –
Am fernen Strande im SonnenscheinDa spielen zwei Kinder mit Muschel und Stein.Auch ihnen im Herzen die Sonne scheint;Sie wissen ja nicht, daß die Mutter jetzt weintUm den Mann, der lang nicht geschrieben,Vielleicht – auf dem Meere geblieben.Eine Flasche treibt auf dem WellengespielUnd bietet den Kleinen ein prächtiges Ziel.
Hei, wie in der Sonne sie blinket.Und hurtig von linkischer KinderhandWird Stein auf Stein nach der Flasche gesandt.Wie strahlt vor Freude das Kindergesicht,Als endlich das gläserne Schiff zerbrichtUnd jäh im Wasser versinket. – –
Das Meer birgt schweigend am GrundeVoll Mitleid die traurige Kunde.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, S. 49–50, 1. Auflage, Hans Sachs-Verlag Schmidt-Bertsch & Haist, München, Leipzig, 1910
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Flaschenpost“, Fassung 2.543.320 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.