Mistral
Marie Eugenie Delle Grazie · 1864–1931
51 Zeilen in 6 Strophen · zuerst gedruckt 1892
Der MistralWeht durch die Straßen und fegtDie Chiaja entlang, daß hochaufDer Schönen flatternde Schleier sich bauschen undDem Schäker die goldig-braunen Nacken enthüllen,Der hangenden Flechten SammetglanzUnd die kleinen, korallengeschmückten Ohren,Noch rothgeküßt vom letzten Stelldichein....
Toll bläst erIm Meere draußen die Backen auf und jagtVor sich her pfeilgeschwind die Fischerbarken,Fährt in die knatternden Segel und holtDes Himmels trotzigste Wolke keck zum Tanz!
Fern’ aber,Wo schillernd die Wogen umSorrento hüpfen undVon gold’nen Sonnenfurchen die Wasser blitzen,Beginnt sein Zauberreich:Zum SchöpferodemWird hier sein Weh’n, zum gestaltenden, der LichtUnd Lust und Meer in glänzende SchaumgebildeVerwandelt und aufleben läßtIn mystischen Urweltformen,In seliger Urweltlust!
Horch! dröhnt nichtVom Ausschlag der MeeresrosseDie brausende Fluth?Mit Sonnenstrahlen-ZügelnLenkt sie Poseidon – sieh,Und ihre weißen Mähnen flattern im Winde!KopfüberStürzen die Faune der See,Die neckischen Tritone in die Wogen,Und zwischendurchLachen die meerblauen AugenDer Tethystöchter, blinkt’sVon schneeigen Nacken,Von schaukelnden HüftenUnd perlenthau-benetztem, gold’nem Haar!
Sie sind’s, sie sind’s,Die lenchtenden Herrscher der Tiefe!Schon hör’ ichIhrer Muschelhörner Gedröhn –Ein Weilchen noch –Und sie rauschen an’s Land und schmiegenDie weichen Glieder in den glitzernden Sand....
So träum’ ich wachenden Aug’s – da zerrinntDer Götterfestzug in schäumende Wogenkämme,Scharf weht’s vom Vesuv herüberUnd mir zu Füßen rauschtMit heimlichem Gekicher plätschernd die Fluth an.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Italische Vignetten, S. 83-84, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Mistral“, Fassung 589.684 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.
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