Die Madü-Maränen
Karl Streckfuß · 1778–1844
529 Zeilen in 28 Strophen · zuerst gedruckt 1834
Bei Stargardt, im treuen Pommerland,Da liegt ein See, Madü genannt,Drin leben für reicher Leute TischeGar leckerhafte feine Fische,Die man Madü-Maränen heißt.Sie sind nur diesem Wasser eigen,Und hingebracht vom bösen Geist,Wie? das soll bald sich deutlich zeigen.
Ein Bischof lebt’ in jener StadtFromm, heilig gar, alt, lebenssatt,So pflegt’ er von sich selbst zu sagen.Doch wer, wenn er bei Tische saß,Dem Heiligen zusah, wie er aß,Mit überschwenglichem Behagen,Wie, wenn er die Kiefern in gieriger HastBewegte, des Angesichts Muskeln strotzten,Wie ganz verzückt, unbeweglich fast,Gradaus die schwimmenden Augen glotzten,Der fürchtete vom GottseybeiunsFür diesen Herrn noch böse Streiche,Und sprach bei sich: Du armer Duns,Du bist noch fern vom Himmelreiche.
In Wahrheit, er dacht’ am HochaltarSo wie bei Tische – und im Talar,So wie im Schlafrock – beim Sacramente,So wie zu Roß – an Schnepf’ und EnteWeit öfter als an Gottes Wort:Ja, selbst im Traume noch aß er fort.Und nicht als Esser nur – nicht minderHatt’ er als trefflicher Speisen ErfinderSich schon mit großem Ruhme bewährt.Oft stand er drum in der Küchenschürze,Mit Messer und Zang’ und Löffel bewehrt,Sehr ämsig beschäftigt am FeuerheerdUnd mischte Trüffeln, Zitronen und Würze.Doch wie’s dem trefflichsten Künstler geht,Dem ein Ideal vor der Seele steht –Was er durch Musengunst erreiche,Stets scheint es, als ob es weiter entweiche –So unserm Bischof. – Er fühlt am Gaum,Denn die Seele saß ihm an diesem Flecke,Die Ahnung, noch geb’ es höh’re Geschmäcke,Und was er geschmeckt, sey Vorschmack kaumDer wahren Gaumes-Seligkeiten.Drum sann er im Wachen, wie im Traum,Sich solche Wonnen zu bereiten.
Ein Mönch war dort zur selben Zeit,Begabt mit großer Gelehrsamkeit,Der mit geübter zierlicher FederAuf Esels- oder Schweine-LederDer alten Klassiker Weisheit schrieb,Und sich damit die Zeit vertrieb;Der saß einmal beim Bischof zu Tische,Und gab bei einem großen Fische,Der eben auf der Tafel erschien,– Ein Zander war es aus Berlin –Ein Zeichen von leckerhaftem Erstaunen.Doch wie man den Fisch auf die Tafel gestellt,Da ward auf einmal von übeln LaunenDem Bischof die ganze Lust vergällt.Er sprach mit schmerzlich quälendem Sehnen:„Noch feinere Fische giebt’s in der Welt,Und ich“ – hier fühlt’ er im Auge die Thränen –„Weiß nicht, wie sie heißen, wo man sie erhält?“Hier begann der Mönch sich zu rücken, zu dehnen,Von gährender Wissenschaft angeschwellt,Und platzte heraus: „Das sind die Muränen,Denn diesen gaben die Römer den Preis!“Da wird dem Bischof kalt und heiß,Und er bestürmt den Mönch mit Fragen,Und dieser eilt, ihm Alles zu sagen,Was er weiß, und was er nicht weiß.Allein was kann das Alles frommen?Er hört, wie trefflich sie einst geschmeckt,Doch wo sie jetzo zu bekommen,Das wird vom Mönch ihm nicht entdeckt.Drum entweicht der Schlaf von des Bischofs Lager,Er irrt bei Tage wie träumend umher,Und wird im Kurzen blaß und mager,Denn nichts reizt seine Eßlust mehr.Stets quält ihn ein tiefes peinliches Sehnen,Stets klingt’s ihm im Herzen: Muränen! Muränen!
Und einst – es war eine Frühlingsnacht,Bei welcher in sehnenden GemüthernDer Drang nach überschwenglichen GüternMit doppelter Gewalt erwacht,Die zu hohen Liedern den Dichter begeistert,Wo die Liebe sich jedes Herzens bemeistert.Der Vollmond schwamm in silberner PrachtDurchs Meer der reinen himmlischen Bläue.Es schien, als ob er der Erde sich freue,Als saug’ er der Blüthen balsamischen Duft,Als kühl’ er das Anlitz in schmeichelnder Luft,Als lausch’ er dem Liede der Nachtigallen,Das aus des Laubdachs schaurigen HallenIn Jubel und Klage wechselnd erscholl –Da fühlte der Bischof das Herz sich so voll;Ihm ging all sein vergangnes SchmeckenAm Munde vorüber, wie ein Traum,Doch Wild und Fisch von den besten GeschmäckenErschienen als wesenloser Schaum.Nur weiten, nie auszufüllenden RaumGlaubt’ er im Munde zu entdecken.So rief er, seiner noch mächtig kaum,Wie ein schwärmender Dichter mit tiefem GrameNach einer niegesehenen Dame:„Muränen! Muränen! o theurer NameVoll bitterer Wonnen und süßer Qual,O könnt’ ich nur ein einziges MalDurch euer liebliches Fleisch mich trösten!Selbst sieden wollt’ ich euch oder rösten;Ich wollte mit eifrigstem BemühnEuch ehren durch die trefflichsten Brühn.Oft ist mirs, als hätt’ ich euch zwischen den Zähnen,Als quöll’ im Mund mir der liebliche Saft,Doch beiß’ ich zu, o Muränen, Muränen!Dann seid ihr plötzlich dem feurigen Sehnen,Der Umarmung der Zung’ und des Gaumens entrafft.O würde gestillt mein unendliches Streben,Fürwahr, ich wollte mich gern dafürMit Leib und Seele dem Teufel ergeben!“
Da öffnet sogleich sich leise die Thür,Ein stattlicher Herr tritt höflich ins Zimmer,Umstrahlt von mattem, bläulichem Schimmer,Doch sonst gefällig, zierlich und nett.Er trug auf dem Haupt ein rothes Barett,Wie heut noch unsere Domherrn tragen,Mit einer Hahnenfeder darauf.Der Mantel, über die Schultern geschlagen,War schwarz und that am Busen sich auf,Und wies ein Koller von gelber Seide,Sonst aber zeigt’ er nichts vom Kleide,Indem er in Falten zum Boden gingUnd als ein Schleier die Füß’ umhing.
Er sprach – und seine Töne warenSo fromm und süß, so lind und fad,Als käm’ er auf allernächstem PfadVom allermodernsten Zion gefahren –„Hochwürdiger Herr, Sie riefen – ich binSchon da, und Ihres Winks gewärtig,Denn immer bin ich zu dienen fertig,Und fliege hier und dorten hin,Wo redliche Leute mein bedürfenZur Hülfe bei löblichen Entwürfen;Und Sie auch sollen zum MittagsmahlDie saftigsten schönsten Muränen schlürfen.“
Der Bischof starrt – zum ersten MalSeit langer Zeit hat er das EssenUnd Trinken ganz und gar vergessen,Und denkt voll Schrecken der Höllenqual.Er fühlt sich die Brust wie von Schrauben pressenUnd all sein Blut geronnen zu Eis.Drum stocken die Pulse – ein kalter SchweißFließt von der Stirn und dem ganzen Gesichte,Und seine Füße sind Klumpen Blei’s.Kurz, völlig macht’ ihn der Teufel zu nichte,Und mächtig ist er nicht eines Schrei’s.
Und jener Herr im bläulichen LichteHob seine Rede wieder an,Und zwar so fromm, so sanft und gütlich,Und so herzinnig und gemüthlichAls irgend nur ein Teufel kann:„Warum, Hochwürdiger, so erschrecken?Oft war ich Ihnen unsichtbar nah,Und mit dem größten Vergnügen sahIch Ihnen die Speisen vortrefflich schmecken,Denn mich erfreut, was Andre vergnügt.Um nun zu stillen Ihr feuriges SehnenNach klassischen leckerhaften Muränen,Hab’ ich mich schleunigst herverfügt.Und wenn an Ihres Kirchthurms SeigerZur nächsten Mittagszeit der ZeigerGenau und pünktlich auf zwölfe steht,Nicht eine Minute zu früh noch zu spät,Werd’ ich in Ihre Küche schreitenMit zwei Muränen, lebendig und frisch,Und mich beehren, Sie anzuleiten,Den trefflichen königlichen FischMit einer Brühe zu bereiten,Mit einer Brühe – auf Ihren TischIst solch ein wundervolles Gemisch,Bei meiner Ehre, noch nie gekommen,Von einem Geschmacke, von einem Duft –Nie haben Sie von dergleichen vernommen.Nichts weiter sag’ ich – doch wenn die LuftMit solchen Gerüchen ein Todter röche,Bei meiner Treu’ und Ehr’, er kröcheGleich neu belebt aus seiner Gruft.Auch stärkt die Brühe den schwächsten Magen,Die allergrößte PortionDes trefflichen Fisches zu vertragen.Frei will ich nun die Bedingung sagen.Sie waren für eine Muräne schon,So wie ich hörte, bereit und willigMir Leib und Seele zugleich zu weihn;Ich aber bin ausnehmend billig,Bediene, Hochwürdiger, Sie mit Zwei’n,Und fordere Dero Seel’ allein.Ihr Leib soll sich vortrefflich befinden,Denn ich will außerdem mich verbinden,Auch künftighin Ihr Diener zu seyn.“
Wohl mußte die Rede den Bischof kirren,Ihm Appetit, drum Muth verleihn,Doch fühlt’ er sich wieder beim Schluß verwirren,Und angstvoll ruft er: „Nein, nein, nein!Ich lasse mich nicht vom Teufel irren.Für zwei Muränen mein Seelenheil!Bleibt doch die Seele mein bestes Theil!“
„Die Seele,“ spricht der Satan ironisch,„Ihr bestes Theil? Das ist kanonisch,Doch praktisch, Hochwürdiger, ist es nicht.Was ist sie, von der man so Vieles spricht?Kann sie die Mahlzeit riechen und schmecken?Kann sie nach Tische spazieren gehn?Kann sie nach schönen Weibern sehn?Kann sie behaglich im Bette sich strecken?Also was ist sie? – ein Unding, ein Nichts,Schatte des Schattens, des Schemens Schemen,Nur aus Billigkeit anzunehmenAls der Preis des Muränen-Gerichts.Welches Gerichts? Gott soll mich verdammen,Denk’ ich an dieser Muränen Saft,An des Geschmackes bezaubernde Kraft,Läuft mir das Wasser im Munde zusammen.Ja, beim Geknister der höllischen Flammen,Schmeckt ein Muränen-Gericht noch gut,Macht uns gelind und behaglich die Gluth.“
Da sieht man den Bischof das Haupt erheben.Er spricht: „So wird in der Hölle gespeist?“„Versteht sich!“ versetzte der böse Geist,„Wie sollten ohn’ Essen die Leute leben?In unserer Höll’ ist’s überhauptBei weitem so schlimm nicht, als man glaubt,Es kommt nur drauf an, sich zu gewöhnen.Man richtet ganz allmählig sich ein,Und meint am End’, es müsse so seyn.“
Der Bischof wird dreister bei diesen Tönen,Und wagt es, den Teufel anzuschaun,Doch da befällt ihn ein neues Graun;Scheint’s doch, ihn wolle Satan verhöhnen,Und fort ist wieder alles Vertraun.Er schreit: „Nein, nein! das HöllenfeuerFür zwei Muränen – das ist zu theuer!“
Da sagt nur dieses der Teufel noch:„Sie schätzen hoch die verehrte Seele,Ich schätze meine Muränen hoch,Und wer in der Berechnung fehle,Das, Herr, ist unentschieden noch.Indeß, Hochwürdiger,“ also flüstertEr sehr verbindlich und beuget sich,„Wie Sie nach meinen Muränen lüstert,So lüstert nach Ihrer Seele mich,Drum rechn’ ich nicht zu wucherlich,Und bitte, gefälligst einzuschlagen,Wo nicht, den Kauf mir aufzusagen,Denn andre Geschäfte rufen mich.“
Und als er diese Worte gesprochen,Da macht er Anstalt davon zu gehn,Doch läßt er nun einen Duft entstehn,Wie ihn der Bischof noch nie gerochen.Er ist aufs wundervollste gemischtVon Wein, von Gewürz, von Austern und Trüffeln,So daß er Leib und Seel’ erfrischt –Der alte Herr fängt an zu schnüffeln,Und fühlt sich lüstern die Lippen genäßt.Da spricht der Teufel: „So riecht meine Brühe.Ade, Herr Bischof!“ – Doch dieser läßtIhn nicht davon, hält am Mantel ihn fest,Und ruft: „Ja, wenn ich ewig glühe –Wer hier sich nicht verführen läßt,Der ist kein Mensch – ich unterschreibe.“
Da hat nun der Teufel die Seele beim LeibeUnd hält sie fest. Er zieht ein PapierAus seinem Mantel und sagt nun: „Hier,Weil ich mich dessen wohl gewärtigt,Ist der Pakt in duplo ausgefertigt.Ich les’ ihn vor, dann vollziehen wir.“Und nun beginnt das höllische WesenIhn folgender Maßen laut zu lesen:
„Wir, ich, der Bischof Anastas,Und ich, Beelzebub Satanas,Thun kund und fügen hiermit zu wissenFür Alle, die’s zu erfahren beflissen,Das wir heut frei und wohlbedachtNachfolgenden Vertrag gemacht:Ich, Satan, verbinde mich, wenn am SeigerDes hiesigen Thurms heut Mittag der ZeigerGerad und pünktlich auf Zwölfe steht,Nicht eine Minute zu früh noch zu spät,Zu bringen zwei Muränenfische,Zwei fette, feine, lebendige, frische,In die Küche des Bischofs, und ihn dabeiNach bestem Vermögen anzuleiten,Die trefflichste Brühe zu bereiten,Die so wohlschmeckend und stärkend sey,Wie ich, der Bischof, sie eben gerochen;Auch wird von mir, dem Satan, versprochen,Daß ihm, dem Bischof, auf LebenszeitMein unterthänigster Dienst geweiht.Ich aber, der Bischof, stelle dagegenNach meinem, Gott gebe, seligen TodDie Seele zu des Satans Gebot.Und da uns nach reiflichem UeberlegenDies also gefallen hat und behagt,So haben wir jeglicher Ausflucht entsagt,Zum Beispiel der der enormen Verletzung,Des Zwangs und der listigen BeschwätzungUnd allen anderen. Dies geschah“ –Dann Ort und Tag et cetera.
Als diese Zeilen verlesen waren,Da ruft der Teufel: „Nun, gutes Muths!Es kostet noch einen Tropfen Bluts,Der reicht zu beiden Exemplaren.“Schnell wird nun dem Bischof der Finger geritzt,Woraus ein Tröpflein Blutes spritzt;Dies wird mit der Feder aufgefangen.Der Teufel kritzelt den Pferdefuß,Und da er von Neuem bemerken muß,Der Bischof kämpfe mit Angst und Bangen,Da läßt er schnell einen neuen StoßVon jenem gewürzigen Dufte los,Und gleich ist Jenem die Sorge vergangen,Denn jeden andern Gedanken vertreibtDie Lüsternheit – er unterschreibt.
Das eine Blatt bleibt dorten liegen,Das andre faßt der Teufel geschwind,Um, brausend wie ein Novemberwind,Durchs offne Fenster davonzufliegen.Mit Höllengelächter stürzt er hinaus,Im tiefsten Grund erzittert das Haus,Und statt der süßen gewürzigen DüfteFüllt gräulicher Schwefelgestank die Lüfte.
Dort steht nun der Bischof mit Schrecken und Graus,Ihm fällt’s von den Augen wie Schuppen – die WahrheitTritt ihm entgegen in schrecklicher Klarheit.„Des Teufels Beute für einen Schmaus!Für zwei Muränen auf ewig verloren!Entsetzliche Blindheit!“ So dacht’ er; es klangDas Höllengelächter ihm in die Ohren.Wild lief er im Zimmer umher und rangVerzweifelnd und stöhnend sich wund die Hände,Und Schrecken erzeugten ihm alle Wände.Denn ein gehörnter Teufel sprangJetzt hier heraus mit grinsender Fratze,Und streckte nach ihm die bekrallte Tatze.Schnell floh er zur andern Seite, da spie’nZwei mächtige Fische – ihm schienen’s Muränen –Mit grimmigen Augen, mit drohenden Zähnen,Aus offenen Rachen Flammen auf ihn.Wohin er sich wendet – aus allen EckenSpringt Ungeheures zu neuem Schrecken –So fühlt er, gehetzt, daß jeglicher SinnSich in der Verzweiflung des Wahnsinns verliere.Am Ende wirft er zu Boden sich hin,Und brüllt, gleich einem verwundeten Stiere.
Der Morgen begann itzt wonnevollRingsum die Gegend zu enthüllen,Als dies verzweiflungsvolle BrüllenDurchs bischöfliche Haus erscholl,Drob alle Diener zusammenliefen,Und da der Bischof mit keinem WortBescheid gab, nur brüllte, voll Angst sofortDas ganze Kapitul zusammenriefen.Es kommt sogleich der Präpositus,Der Dechant, der Scholasticus,Der Custos und jeder Canonicus,Und alle sind rings um ihn versammelt,Und reden geistlichen Trost ihm ein.Doch Er hört lange nicht auf zu schrein.Erst als die Lunge matt wird, stammeltEr Worte, die Niemand zu fassen vermag,Von Teufel, von Seele, von Fisch und Vertrag,Darob die weisen hochwürdigen HerrenWeit auf vor Erstaunen die Mäuler sperrenUnd sehen vor Schrecken stumm und dummMit zweifelnden Blicken im Zimmer sich um.Doch endlich erscheint die ganze GeschichteIm sichern, klaren, unseligen Lichte.Denn Einer beim Umherschaun trifftDas Blatt mit der blutigen Unterschrift.Der lies’t mit lauter, doch zitternder StimmeDen Pakt, den der Bischof geschlossen hat,Dann, gleich als ob es wie Kohlen glimme,Wirft er zu Boden hin das Blatt.Und alle jene Kirchen-SäulenBeginnen nun im verworrenen ChorEin banges Aechzen, ein lautes HeulenMit miserere – confiteor.Nur Einer wußte sich zu fassen,Und blieb besonnen und gelassen.
Dies war ein magerer, kleiner Mann,Von mittleren Jahren, mit spähenden Augen,Als wollt’ er damit aus dem Herzen saugen,Was Jeder darinnen fühlt’ und sann;Von hoher Stirn und feinem Munde,Von spitzer Nas’ und spitzem Kinn –So gab sein Aeußres vom Innern Kunde,Von Kälte, Schlauheit und herrschendem Sinn.
Vergebens sucht’ er lang, zu sprechen,Denn allzumächtig braus’te der Chor,Doch endlich trat er gebietend hervor,Und rief mit schallendem hohem Tenor,Um dies Geheul zu unterbrechen:„Hochwürdige Herren, ich bitt’ ums Wort!“
Und stille ward’s im Zimmer sofort,Und also wurde von Jenem begonnen:„Verehrte Confratres, mit Heulen und SchreinWird hier auf Erden nichts gewonnen.Je ärger die Noth, je größer die Pein,Je mehr gilt’s kalt seyn und besonnen;Und weil ich kalt bin, so hoff’ ich, daß ListDes Teufels zu überlisten ist.Denn ist Er Satan, der Widersacher,So bin Ich ein Canonicus,Und sehe nicht ein, warum Er die LacherAuf seiner Seite haben muß.Erlaubt uns nun zu löblichen ZweckenDie Mutter Kirche das Mittel des Trugs,So ist’s wohl billig, den Vater des LugsMit einem feinen Betruge zu neckenZu eines Kirchenfürsten Heil.Ich schlage drum vor zu meinem Theil:Wir stellen an unserer Kirche SeigerAus Vorsicht jetzt gleich auf Eins den ZeigerUnd lassen die Uhr dann gänzlich stehn;Dann ist unerfüllbar, was ausbedungen.Kommt nun der Satan, so wird er sehn,Ihm sey das wichtige Werk mißlungen.Er glaubt sich verspätet, und fliegt mit HohnUnd Aerger und langer Nase davon.
Selbst wenn in Berlin die Sonntag gesungen,Ist nie solch wüthender Beifall erklungen,Als jetzt im ganzen Kapitul erklang.Der Bischof selber, voll Jubel, schwangDie Mitra, die dort lag, im weiten Kreise,Denn gewälzt sind Zentner von seiner Brust.Zwar schmerzt ihn noch der Muränen Verlust,Doch faßt er drum sich löblicher Weise.Jetzt machen All’ in so schnellem Lauf,Als nur die Bäuche gestatten, sich auf,Und nach dem Kirchthurm geht die Reise.Dem Thürmer befiehlt man – doch was es bezweckt,Das wird dem Staunenden nicht entdeckt,Denn Solches schadete dem Respekt –Daß er aushebe der Uhr GewichteUnd gleich auf Eins den Zeiger richte.So geschieht’s, und mit gutem Muthe kann,Man zur Messe gehn und zum Frühstück dann.
Der Mittag naht und über die WogenDes See’s Madü kommt der Teufel geflogen.Und als er von Weitem den Thurm erblickt,Erkennt er den Zeiger und sieht sich betrogen,Und die List von größerer List bestrickt,Worüber er durch und durch erschrickt;Und er läßt, überrascht, aus seinen KrallenIns Wasser hinab die Fische fallen.Die finden sogleich, in der klaren FluthDa zapple, leb’ und liebe sich’s gut,Beginnen sich lustig zu streichen, zu laichenUnd reichlich zu zeugen Ihres-Gleichen.Bald wird die neue Gattung entdeckt,Die dem Bischof, nachdem er dem Teufel entrissen,Obwohl die Erinnerung sein GewissenNoch immer etwas ärgert und neckt,Mit eigener Brühe vortrefflich schmeckt.Doch waren den Fischen viel spitze GrätenDurch Satans Zorn in den Leib getreten.Auch dies ist bewirkt vom bösen Geist,Daß jetzt die Muräne – Maräne heißt,Da durch ihn die Zeit so schändlich handelt,Und was da besteht verhunzt und verwandelt.Ja, sie ist’s, die Jugend und Schönheit verpfuscht,Aus lustigen Mädchen macht heilige Schwestern,Die Schilder und Bilder übertuscht,Nur macht sie nimmer das Heute zu Gestern.Doch zu des U RestaurationWirkt jetzt eine Association,Die wird das A, das klare, bezwingen,Und zurück das U, das dunkle, bringen.
____________
Der Eine von den Lesern lacht,Den Andern, mit Worten, spitz wie Nadeln,Hör’ ich den Bischof und Dichter tadeln,Weil’s beide gar zu dumm gemacht.„Für zwei Muränen das Heil der Seele!Wer ist, der so schwer um so Kleines fehle?“Ihr, die ihr tadelt, ihr, die ihr lacht,Für euch ist eben das Mährchen erdacht,Damit’s euch klar euch selber mache.Der Teufel ist eure Leidenschaft,Der Geiz, die Wollust, der Stolz, die Rache,Die mit unwiderstehlicher KraftEuch auf den Weg des Verderbens rafft,Und oft durch eine schlechtere Sache,Als einer würzigen Brühe Geruch.Kaum wagt ihr, euch wie der Bischof zu sträuben,Laßt euch durch Schmeicheln und Lügen betäuben,Gewahrt nicht den gröbsten Widerspruch,In den mit sich selbst der Teufel gerathen;Und so zertretet ihr toll und blindDes eignen, des fremden Glückes Saaten.So wüthen die Völker, so stürzen die Staaten,Weil diese Teufel drin herrschend sind,Denn sie machen die Herrn von der Linken und RechtenIn gleicher Weise zu ihren Knechten.Die Geschicht’ auch lehrt, wie um manchen ThronSie schon gewußt, ihr Netz zu flechtenUnd ihn zertrümmert mit Schmach und Hohn –Wird endlich im Mährchen der Teufel betrogen,So ist auch dies gar wohl erwogen,Obgleich ihr’s tadelt – denn, Freunde, wißt,Daß jeder solcher Teufel am Ende,Wie schlau er sich auch dreh’ und wende,Doch nur ein dummer Teufel ist.Denn klug ist nie, wer von Gott verstoßen,Und vergeblich, drum thöricht, sein Kampf und Strauß,Und trotz der Hölle List und ErboßenFührt Gott, was er will, gar herrlich aus –Ihr aber, ist’s euch einmal gelungen,Daß ihr dem Teufel euch entrungen,Nicht jubelt in blindem Selbstvertraun,Versäumt es nie, euch vorzuschaunDenn sonst, bevor ihr euch versehen,Hat wieder Satan euch in den Klaun,Und endlich ist’s um euch geschehen.Drum haltet fest an Recht und Pflicht,An Herzens-Wahrheit, reinen Sitten,Und hört nicht auf, den Herrn zu bitten:Herr, in Versuchung führ’ uns nicht!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Neuere Dichtungen, S. 41–60, 1. Auflage, C. A. Schwetschke und Sohn, Halle, 1834
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Madü-Maränen“, Fassung 3.448.967 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Karl Streckfuß starb 1844; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1914 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 117313165 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.