Ausflug
Otto Ernst · 1862–1926
58 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1907
Heut’ saß ich wieder an meinem Klavier;Sein blankes Holz war Spiegel mir;Drin sah ich mich und mein stilles Zimmer,Den Garten, die Gasse – und fern einen SchimmerDes lichten Himmels.Und meine HandErging sich spielend im fernsten Land. –
Und hört – o hört –: da kam ein Klang,Den sah ich, als er durchs Zimmer sich schwang,Als er dahin übern Garten zog,Leise die flimmernden Wipfel bog,Und weiter, weiter, die Straße entlangSchwebte, strebte der heilige Klang.
Rührt’ eines Kindes Scheitel an,Daß gleich sein Haar zu leuchten begann –Strich über eines Baumes Dach,Darunter hervor ein süßes AchAus eines Vögleins Herzen quoll,Und jäh zu hellem Jauchzen schwoll.Leis über einen Schmetterling,Der am erglühten Kelche hing,Kam hergeweht das süße Klingen,Da dehnt der Falter die stummen Schwingen,Daß ihre scheu verhohlene PrachtWie eines Auges Glut erwacht!Und hoch durch eines Waldes HallenGing hin der Klang. Das mochte schallenWie fern erklungener, sehnender Gruß –Der stumme Wanderer hemmt den FußUnd staunt hinauf, durchschauert ganz,Im großen Auge geheimen Glanz.Und weiter hinaus über Wiesen und Feld,In eines Tales versunkene WeltHinschwebte der Hauch und streichelte mildMit klingendem Flüstern das Ährengefild –Da glänzt es wie Gold!Und rührte die GlockenDes ganzen Tals, daß mit FrohlockenSich jede dem Himmel entgegenschwangUnd friedliche Vesper vom Felsen klang.Und wallte, hallte hinaus übers Meer,Der klingende Hauch. Wie staunte so sehrDer junge Schiffer im treibenden Boot,Wie spannt sich die Brust ihm in seligster Not –!Von schimmernden Brüsten blinkte die Flut,Von winkenden Augen voll schillernder Glut!Und seufzend blickt er empor und hinaus:Die Sonne ging heim in ihr goldenes Haus.Zu ihr entschwebte das klingende Wehen –Zu ihr strebt alles in Kraft und Vergehen!
Und hinter leuchtenden Schleiern verlorDen letzten Ton – mein dürstendes Ohr.Und da sah ich mich um – da fand ich mich hier –An meinem schweigenden Klavier. – – –
Tränende Augen, was habt ihr gesehn?Zitternde Seele, was ist dir geschehn?Du flogst mit einem seligen KlangDie weite Sommerwelt entlang …!
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Siebzig Gedichte S. 6–8, 1. Auflage, L. Staackmann, Leipzig, 1907
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Ausflug (Otto Ernst)“, Fassung 1.623.362 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Otto Ernst starb 1926; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1996 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118682342 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.