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Versbuch

Hypochonders Mondlied

Nikolaus Lenau · 18021850

101 Zeilen in 26 Strophen · zuerst gedruckt 6. Oktober 1836

Singt ihr in eurem Freudenliede:„Der heitre Mond am Himmel lacht,Und ihm entstrahlt ein süßer Friede,“So habt ihr nie den Mond bedacht.

Seht ihr ihn dort herüberschweben,Bleich, ohne Wasser, ohne Luft?Er zieht mit ausgestorbnem Leben,Ein Todtengräber sammt der Gruft.

Dort dringt der Mond mit seinem SchimmerStill dem Nachtwandler in’s Gemach,Er winkt und lockt aus Bett und Zimmer,Der Schläfer folgt ihm auf das Dach

Und huscht, geschlossner Augenlieder,Hin, her des Daches steilsten Bug,Als hielt’ ein geistiges GefiederEnthoben ihn dem Erdenzug.

Der Mond geht traurig durch die Sphären,Denn all die Seinen ruhn im Grab,Drum wischt er sich die hellen ZährenBei Nacht an unsern Blumen ab;

Darum durchschleicht er Fenster, ThürenAuf Diebessohlen leis und lind,Der Erde heimlich zu entführenIm Schlafe dies und jenes Kind.

Den Schläfern um den Leib zu schlingenSucht er sein feines Silbernetz,Und sie zu sich hinaufzuschwingen;Doch seine Fäden reißen stets.

Und immer wird es ihm mißglücken,Zu stehlen sich ein Spielgesind,In seine Oede zu entrückenEin lebenwarmes Erdenkind. –

Der Mond wohl auch die SchlummerlosenDer Erde zu entlocken sucht,Er will mit schwärmerischem KosenBereden uns zu früher Flucht.

Oft wenn ich ging durch Wald und Wiesen,Log mir der Mondenschein so lang,Ich sey auf Erden nur verwiesen,Bis ich hinweg mich sehnte bang.

Weil er uns nicht vermag zu stehlen,Nicht wachend, nicht in Schlafesruh,Schickt er mit Blicken, stieren, scheelen,Der Erde Todeswünsche zu.

Als Knabe schon konnt’ ich nicht schauenZum stillen, blassen Mond empor,Daß nicht ein wunderliches GrauenMir heimlich das Gebein durchfror.

Nirgends auf Wald und Feld und StraßenFrohlockt so hell des Mondes Licht,Wie auf dem Kirchhof, wo verlassenEin armes Herz in Klagen bricht.

Ja, Gräber sind für ihn die Stelle,Und an Ruinen Dorngesträuch;Doch vor des Mondes schlimmer HelleBewahrt das Brautbett, rath’ ich euch.

Laßt ihr den Mond in’s Brautbett scheinen,Ist euer künftig Kind bedroht,Denn viele Stunden wird es weinen,Und wünschen wird es sich den Tod. –

Wenn Schiffer Nachts das Meer befahren,Umhüllen sie das Haupt genau,Denn spielt der Mond mit ihren Haaren,So färbt er sie frühzeitig grau.

Und bei Banditen geht die Kunde:Ein Dolch, gewezt im Mondenschein,Sticht eine ewig stumme Wunde,Trifft mittendurch in’s Herz hinein.

Bergjäger, der kein Raubschütz, meidetDen Mond; ein Wild, im MondenstralGeschossen oder ausgeweidet,Verwest so frühe noch einmal.

Und eine Tann’ im Wald geschlagen,Wenn hell der Mond am Himmel blinkt,Als Mastbaum in das Meer getragen,Zerbricht der Sturm, das Schiff versinkt.

Und jene losen, alten Weiber,Die man nicht gern genauer nennt,Weil ihnen sonst die dürren LeiberDas tolle Volk zu Asche brennt,

Die ziehn auf mondbestralten HaidenUnd pflücken murmelnd Gras und Kraut,Woraus zu manchen ZauberleidenManch böses Tränklein wird gebraut. –

Tief in den hohen SteyrerfelsenKenn’ ich ein Dörflein, wo man meint:Der Mond wird schuld an dicken Hälsen,Wenn er in einen Brunnen scheint.

Dort meint man auch, wenn MondgefunkelDie Spinnerin am Rad umspinnt,Und niederglänzt von ihrer Kunkel,Daß sie ein Leichenhemd gewinnt. – –

Weil mich der Mond, in’s Zimmer glotzend,Nicht schlafen ließ in dieser Nacht,Hab’ ich Poet, hinwieder trotzend,Dies Lied zum Schimpf auf ihn gemacht.

Noch wüßt’ ich viel von ihm zu melden,Doch seh’ ich jezt im UntergangHinunterducken meinen Helden,Bevor ich noch das Schlimmste sang.

Lenau.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Morgenblatt für gebildete Stände, 30. Jahrgang, Nr. 240, S. 957–958, 1. Auflage, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 6. Oktober 1836
Digitalisat
de.wikisource.org — „Hypochonders Mondlied (1836)“, Fassung 3.780.433 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Nikolaus Lenau starb 1850; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1920 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118571508 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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