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Versbuch

Nächtliche Fahrt

Heinrich Heine · 17971856

48 Zeilen in 12 Strophen · zuerst gedruckt 1851

Es wogt das Meer, aus dem dunkeln GewölkDer Halbmond lugte scheu;Und als wir stiegen in den Kahn,Wir waren unsrer drei.

Es plätschert’ im Wasser des Ruderschlag’sVerdrossenes Einerlei;Weißschäumende Wellen rauschten heran,Bespritzten uns alle drei.

Sie stand im Kahn so blaß, so schlank,Und unbeweglich dabei,Als wär’ sie ein welsches Marmorbild,Dianens Conterfei.

Der Mond verbirgt sich ganz. Es pfeiftDer Nachtwind kalt vorbei;Hoch über unsern Häuptern ertöntPlötzlich ein gellender Schrei.

Die weiße, gespenstische Möve war’s,Und ob dem bösen Schrei,Der schauerlich klang wie Warnungsruf,Erschraken wir alle drei.

Bin ich im Fieber? Ist das ein SpukDer nächtlichen Phantasei?Aefft mich ein Traum? Es träumet mirGrausame Narrethei.

Grausame Narrethei! Mir träumtDaß ich ein Heiland sei,Und daß ich trüge das große KreuzGeduldig und getreu.

Die arme Schönheit ist schwer bedrängt,Ich aber mache sie freiVon Schmach und Sünde, von Qual und Noth,Von der Welt Unflätherei.

Du arme Schönheit, schaudre nichtWohl ob der bittern Arznei;Ich selber kredenze dir den Tod,Bricht auch mein Herz entzwei.

O Narrethei, grausamer Traum,Wahnsinn und Raserei!Es gähnt die Nacht, es kreischt das Meer,O Gott! o steh’ mir bei!

O steh’ mir bei, barmherziger Gott!Barmherziger Gott Schaddey!Da schollert’s hinab in’s Meer – O Weh –Schaddey! Schaddey! Adonay! –

Die Sonne ging auf, wir fuhren an’s Land,Da blühte und glühte der Mai!Und als wir stiegen aus dem Kahn,Da waren wir unsrer zwei.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Romanzero, Hamburg, Hoffmann und Campe, 1851. Seiten 81–83., Hoffmann und Campe, Hamburg, 1851
Digitalisat
de.wikisource.org — „Nächtliche Fahrt (Heine)“, Fassung 2.333.347 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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