Vernunft und Wahnsinn
Georg Weerth · 1822–1856
112 Zeilen in 17 Strophen · zuerst gedruckt 1886
Dem Morgen träumt nicht, was der Abend bringt,Wenn lächelnd wohl aus rosenrothem OstenSein erster Strahl durch Wald und Fluren dringtDes Thaues frische Perlensaat zu kosten.Wenn ihr Erwachen hell die Amsel preis'tUnd Hirsche wandeln zu des Thales Bronnen;Wenn um die Gletscher still der Adler kreis't,Sich in der Frühe heil'gem Licht zu sonnen.
Blau schaut die Blume aus des Feldes Garben;Auf Moor und Weiher schwankt des Schilfes Kranz.Es fließt der Strom in RegenbogenfarbenZum Meere, wiegend seiner Wellen Tanz.Und rauschend im gewalt'gen WogenliedeDehnt unabsehbar sich die grüne Fluth -Und Freude nur und wundervoller FriedeAuf Festland, Insel und Gewässern ruht.
Doch wie zum Mittag wandelt sich der Morgen,Hüllt sich in Schleier auch des Tages Pracht.Was einer frühen Stunde tief verborgen,Es bricht herein mit Angst und Graus und Nacht.
Der Himmel tönt von rasselnden Gewittern;Die Erde zuckt und birst zu jähem Spalt,Und heulend über Fels und EichensplitternDer Sturm entfesselt seine Bahnen wallt.
Es ras't die Brandung an zerfetzten Küsten,Und Dunkel herrscht, bis aus entwölkten Höh'n,Als ob sie nichts von Sturm und Wetter wüßten,Die Sterne ruhig strahlend niederseh'n.Und die vom Staub bis auf zum FirmamenteGewälzt sich mit dämonischer Gewalt:Sie schlummern dann, die starken Elemente,Bis sie ein neuer Kampf zusammenballt.
So ewiglich, mit wechselndem Gestalten,Sklavischen Laufes rollt und kreis’t das All!Nicht schöner mag sich die Natur entfalten,Noch wenden sich als zu gewohntem Fall.Die Welt und Welten aneinander bannteMit unerbittlicher Nothwendigkeit:Nur in den Geistern ihrer Menschen brannteSie fort zu schrankenloser Herrlichkeit!
Seit von der Lippe greiser PatriarchenDer Weisheit blumenreiche Rede floß,Bis wo die Schädel stürzender MonarchenZerstampft der Freiheit jugendliches Roß:Hat die Natur mit ihrer DonnerstimmeGesungen stets den mahnenden Gesang,Daß Jeder folge seinem Gram und GrimmeWie seines Herzens liebevollem Drang.
Die gleich der Möve keck die See umschwanken,Die gleich der Schwalbe ihre Heimath bau'n,Die gleich der Wolke blitzen den GedankenUnd gleich dem Falken forschend niederschau'n;Die sich mit Palmen über Hügeln wiegen,Mit Rosen träumen auf bemooster Flur,Die gleich dem Tiger zieh’n von Krieg zu Kriegen -Sie sollten folgen ihrem Innern nur! -
In gleicher Schönheit flammten durch die ZeitenDes Raumes Wunder; nur zu höherm FlugMocht' seines Geistes ries'ge Schwingen breitenDer Mensch! Der alle Kraft im Busen trug!
Der, ob er knechtisch sich im Staube wühlteUnd zitternd sich vor Thron und Altar wand -Doch wieder keck mit seinen Göttern spielteUnd freier nur und herrlicher erstand!
Der eignen Brust ist Freud und Leid entsprungen;Vernunft und Wahnsinn! Schon Jahrtausend' langHat dieses fürchterliche Paar gerungen,Den Kampf gewälzt vom Auf- zum Niedergang.Es weht der Staub zermalmter NationenIn düstern Massen auf von ihrem Pfad;Und ob sie ruhig bei einander wohnen -Sie rasten nur zu neuer, größ'rer That!
In Ost und West ein reges Völkerleben;Vom Meere schallt's bis zu der Wüste Saum.Das ist ein Ringen, Schaffen nur und StrebenAuf Feldern, Gassen und der Märkte Raum.Und kommt der Morgen sacht herangeschritten:Da scheint's, nur Segen schmücke rings das Land,Als schaue Liebe süß aus hundert Hütten,Als herrsche rings nur ordnender Verstand. -
Wohl mag die Blume außen üppig winken,In ihrem Herzen wohnt nur Angst und Qual!Wie einst muß heute noch der Weise trinkenDes Wahnsinns giftdurchflutheten Pokal.Mit Blute leimen sie ihr Werk zusammen,Die satt durchtaumeln Tempel und Palast;Die Armuth röchelt Wimmern und VerdammenUnd wild die Lust aus gold’nen Schüsseln praßt!
Doch wie der Wahnsinn, folgend seinem Rechte,Sinnlos mag rasen - so durch alle WeltHat die Vernunft ihr Recht, daß sie die NächteDes Wahnsinns funkenstiebend auch erhellt!Daß, eine Löwin, sie die Glieder schütteltUnd wieder naht in drohender Gestalt;Daß sie den Wahnsinn aus den Fugen rütteltUnd über Trümmer fort zum Siege wallt!
Vernichtet wird der Wahn zu Boden rollen,Der mit Gewalt und schmeichelndem GeschwätzGebeut, daß Alle Einem folgen sollen,Der Schranken schafft und Regeln und Gesetz;
Der seine Liebe macht zu Aller LiebeUnd seinen Haß zum Hasse Aller nur,Der sie vergleicht, die menschlich freien Triebe,Der Elemente sklavischen Natur! -
Der Erde gold’ner Morgen ist verronnen;Anbrach der wilde, wetterschwang're Tag.Es hat den langen, herben Streit begonnen,Was schlummernd einst in tiefster Seele lag.Fort mag er sich durch alle Zeiten thürmen;Es kennt der Mensch kein Ruh’n und Stillesteh'n.Nur aus des Wahnsinns fürchterlichsten StürmenWird die Vernunft zu schönerm Siege geh'n! -
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Vorwärts, 1. Auflage, Zürich. Verlag der Volksbuchhandlung in Hottingen., 1886
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Vernunft und Wahnsinn“, Fassung 3.779.526 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Georg Weerth starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 117208612 der Deutschen Nationalbibliothek.
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