Von der schönen Rosamunde
Theodor Fontane · 1819–1898
687 Zeilen in 107 Strophen · zuerst gedruckt 1905
(Romanzen-Cyklus.)
Rosamunda – Rosa mundi.(Rosamunde’s Grabschrift.)
Erstes Kapitel.Wie König Heinrich Rosamunden findet.
Der König Heinrich jagt im WaldMit Hof- und Jagdgesinde,Es führt sein Ritt ihn alsobaldAuf eine weiße Hinde,Und nach, durch Ginster und durch Porst,Spornt er sein Roß, bis tiefer ForstDas Thier in Schutz genommen.
Des Weges bar, durch Strauch und DornLenkt Heinrich jetzt den Schecken,Und ruft Halloh und stößt ins HornUm Gegengruß zu wecken;Wohl hört er wie das Birkhuhn schwirrt,Wie über ihm die Taube girrt,Doch nichts von Hornesklängen.
Der Tag ist heiß. Es weht kein HauchUnd Roß und Reiter dürsten,Kein Quell ist da, kein BrombeerstrauchBeut seine Frucht dem Fürsten,Der denkt wohl: „Wenn ich Wasser hätt’,So wahr ich ein Plantagenet,Ich wög’ es auf mit Golde.“
Da schnaubt sein Scheck, und noch einmal,Wie wenn er Obdach wittert –Und sieh, ein Schloß im SonnenstrahlHell durch die Zweige zittert.Schon halten Roß und Mann davor,Und gastlich öffnet sich das ThorDem ungekannten Ritter.
Und in die Hall’ voll WaffenprunkIst Heinrich jetzt getreten,Und hat um Wasser, einen Trunk,Den Graubart drin gebeten,Der aber spricht: „An Cliffords Schwell’Labt man den Gast mit andrem Quell –Schaff’ Wein uns, Rosamunde!“
Und alsobald die junge MaidErgreift die güld’nen Kannen,Sie grüßt den Gast in SittsamkeitUnd schwebet leicht von dannen,Ihr Haar ist blond, ihr Wuchs ist schlank,Und Heinrich weiß der Irrfahrt Dank,Um solchen Findens willen.
Und jetzund wieder in den SaalTritt sie nach kurzem Gange,Roth glüht der Wein im GoldpokalUnd roth glüht ihre Wange,Sie beut den Trunk mit Sitten dar,Dem König aber wird fürwahr,Als hätt’ er schon getrunken.
Und als er trinkt, da trinkt er nichtMit Lippe nur und Kehle,Da trinkt sein Aug’ ihr AngesichtIn seine tiefste Seele,Und eh’ die Maid sich abgewandt,Ergreift er ihre weiße Hand,Zum Danke sie zu küssen.
Da schau’, von Simses Stuck und Kalk,Gespornt an jedem Hacken,Schießt Rosamundens EdelfalkAuf seiner Herrin Nacken,Er bläht sich auf in Tück’ und TrutzUnd hebt den Sporn zu Schirm und SchutzVoll Eifersucht im Herzen.
Doch ob er zürnt und ob er wetzt,Den Kühnen zu verjagen –Die Hand, sein Todfeind küßt sie jetztTrotz seiner Flügel Schlagen;Schön Rosamunde schenkt ihm einUnd selig blickt der König drein,Wie nie in seinem Leben.
Und auch dem Alten wird so warm,Anhebt ein tapfres Zechen,Es zuckt ihm schier durch Herz und Arm,Als sollt’ er Lanzen brechen,Den Goldpokal, er stampft ihn auf,Als wär’s ein alten Degenknauf,Und Blut statt Wein im Becher.
Der König schaut’s und lohnt ihm draufMit festlichen Turnieren,Und giebt noch Schlachten in den KaufMit Schotten und mit Iren,Und wie so Strauß an Strauß sich drängt,Da wohl an jedem Worte hängtDie schöne Rosamunde.
Der alte Clifford aber längstDen Becher still umkrampfte,Er hört’s nicht mehr wie Heinrichs HengstDen Douglas einst zerstampfte,Wohl aber, als der König schweigt,Murrt er, sein Haupt in Gram geneigt:„Daß einen Sohn ich hätte!“
Da auf vom Sitze springt sein Gast,Und ruft: „Der ist gefunden!Gieb mir das Kleinod, das Du hast,Die Hand von Rosamunden,Zu gutem Schwert und gutem RoßEin junges Herz und altes Schloß,Das ist es, was ich biete.“
Der Alte sieht sein Kind erglühnVor Scham und Freud’ im Bunde;Es weiß, wenn so die Rosen blühn,Ward’s Lenz im tiefsten Grunde.So spricht er denn: „Mein Kind sei Dein,Und morgen soll die Hochzeit sein –Wir brauchen keine Gäste!“ –
Zweites Kapitel.Wie König Heinrich Rosamunden gen Woodstock führt.
Am dritten Tag, vor Clifford’s SchloßIn abendlicher StundeHebt König Heinrich auf sein RoßDie schöne Rosamunde.Vom Priester gestern ward die BrautDem Ritter Woodstock angetraut –So nannte sich der König.
Sie reiten in die Nacht hineinDurch Tannenwald und Eichen,Noch vor des Frühroths erstem ScheinSchloß Woodstock zu erreichen.Im Laube spielt des Mondes Licht –Sie schaun sich still ins Angesicht,Und haben keine Worte.
Es regt sich nichts, nicht Blatt, nicht Ast,Kein Ton von Nachtigallen,Es glaubt das Ohr, es höre fastDie Mondesstrahlen fallen;So klar-durchsichtig ist die Luft,Man sieht der Nachtviole DuftWie Wölkchen aufwärts steigen.
Der Wald, im Silberglanze, wecktDes jungen Weibes Bangen,Die Zweige hat er ausgestreckt,Als wollt’ er sie umfangen.Sie denkt an manche alte Mähr’,Und, ob im Zauberwald sie wär’,Wohl zuckt’s durch ihre Seele.
Doch bald an Heinrich’s Brust, so warm,Wird bar sie jeden Kummers,Und zwiefach ruht sie jetzt im ArmDes Gatten und des Schlummers,Mit Schleiern deckt der Mond sie zu,Und Heinrich wacht ob ihrer Ruh,Als gält’ es seine Krone.
Sie träumt und mit dem Roth der SchamSchmückt ihr der Traum die Wangen,Bis plötzlich, schneller als es kam,Das Roth dahin gegangen.Sie zittert, windet sich und ringt,Und aus der tiefsten Seele dringtEs bang, wie Schrei des Todes.
Auffährt sie jäh und starrt zur Seit’,Wie fremd auf ihren Gatten,Bis vor der lichten WirklichkeitEntflieh’n die Traumesschatten;In Heinrichs Aug’ ein selig SchaunLöst bald ihr Bangen all’ und GraunIn Thränen auf und Lächeln.
„Mir träumte – spricht sie jetzt – ich gingIm Walde Beeren naschen,Aufflog ein bunter Schmetterling,Dem folgt’ ich, ihn zu haschen,Mir war so froh, so leicht zu Sinn,Ich lief nicht mehr, ich flog dahin,Von Duft und Klang getragen.
Da plötzlich vor mir standest Du,Geschmückt mit goldner Spange,Und neben Dir, in satter Ruh,Lag glitzernd eine Schlange,Du schautest ängstlich, ob sie schlief,Und sprachst dann leis: „ihr Schlaf ist tief –O komm, daß ich Dich küsse!“
Noch hing, an Leib und Seele frisch,Ich fest an Deinem Munde,Da hob, aufbäumend mit Gezisch,Die Schlange sich vom Grunde,Ihr Haupt glich einem bösen Weib,Sie schlang um mich den Schuppenleib,Und drückte mich zu Tode.“
Wohl füllten sie mit Angst und ScheuDes Bilds Erinnerungen,Und als sie schweigt, da hält aufs Neu,Den Gatten sie umschlungen,Sie küßt ihn heiß, mit Allgewalt,Doch Heinrichs Kuß ist eiseskaltUnd seine Lippe zittert.
Und erst als Cliffords schönes KindIhn wie aus Traum gerüttelt,Da spricht er: „Laß, der MorgenwindWar’s, der mich kalt durchschüttelt;Doch schau’, die Sonne kommt herauf,Und dort das Schloß mit Thurm und KnaufIst Woodstocks alt Gemäuer.“
Drittes Kapitel.Von der Königin Leonore.
Des König Heinrichs Königin,Die böse Leonore,Sie starrt in finstrem Sinnen hinAuf Towers Hof und Thore;Sie sandte sieben Boten aus,Doch keiner kehrte noch nach Haus,Der sichre Kunde brächte.
Sie sandte sieben Boten aus,Die sollten rings erkunden,Ob wo, in eines Köhlers Haus,Der König Schutz gefunden;Doch hofft sie still, daß, roth von Blut,Im tiefsten Waldesgrund er ruht,Von Mörderhand erschlagen.
So hofft und träumt die KöniginAn hohen Fensters FlügelUnd greift in ihrem stolzen SinnSchon nach der Herrschaft Zügel,Wohl sagt sie sich: „Du hoffst zu viel!“Doch ist das nur ein Gaukelspiel,Um so das Glück zu kirren.
Da sprengt der Sieben Einer vor,Weiß von des Renners Schaume,Und sieh’, die böse Leonor’Fährt auf aus ihrem Traume;In tollem, aberwitz’gem SpottFleht, gotteslästernd, sie zu GottUm eine blut’ge Locke.
Der Diener naht, sein Herze freutSich, arglos, seiner Kunde:„Der König lebt, ich sah ihn heut’In früher Morgenstunde.Er hielt vor Woodstocks altem Schloß,Und hob ein blasses Weib vom Roß, –Ihr Haar war lang und golden.“
„„Daß Du an ihrem goldnen HaarIm nächsten Walde hingest,Du Schurke, der Du lerchenklarDein Rabenliedlein singest!Wer gab Dir nur die freche Stirn,Daß Du der buhlerischen Dirn’Vor Unserm Ohr gedenkest.““
Und Rachepläne röthen jetztDie Stirne ihr, die blasse,All was sie sinnt, ist wie gewetztAn eifersücht’gem Hasse.Scharf stechend fällt in ihren SaalDie Sonne; jeden einzlen StrahlMöcht’ sie zum Stoße zücken!
„Doch nein, es fall kein Tropfen Blut,Kein nutzlos Blut-vergeuden,Sie lebe, lebe wohlgemuthAll ihren süßen Freuden;Doch nimmt sie je das Abendmahl,Gedrückt von ihrer Sünden Zahl,Mein Priester soll’s ihr reichen.“
Sie spricht’s und schlingt in stiller LustDie Fäden ohne Säumen,Dieweil in Woodstock, Brust an Brust,Noch ihre Opfer träumen:Dort Frühling noch und Sonnenlicht,Hier aber thürmen hoch und dichtSich schon die Wetterwolken.
Viertes Kapitel.König Heinrich und Rosamunde in Woodstock.
Schloß Woodstock ist ein alter BauAus König Alfreds Tagen:Man sieht es weithin stolz und grauDie Tannen überragen;Zu Füßen ihm ein Garten liegt,Wie wohl ein blühend Kind umschmiegtDas Knie des Aeltervaters.
Der Garten ist an Blumen reich,An Quellen und an Bronnen,Und auf dem Rasen, teppichgleich,Tanzt gern das Licht der Sonnen;Doch finster an des Gartens SaumDrängt sich urplötzlich Baum an BaumZu mächt’gem Forst zusammen.
In seine Tiefen glückt es nichtDer Sonn’ ihr Licht zu senden,Nur knisternd durch die Zweige brichtDer Hirsch von sechzehn Enden;Scheu folgt das Elenn seiner BahnUnd kreischend lockt der AuerhahnHerab vom Tannengipfel.
Am Waldrand, in des Gartens Näh’,Ist eine offne Stelle:Es glitzert dort, halb Teich halb See,Im Sonnenstrahl die Welle;Viel Erlen stehn am Uferrand,Und wo die Quelle küßt den Sand,Da sprießen blaue Blumen.
Und hier im duft’gen Wiesengrund,Wo Wald und See sich grüßen,Da sitzt die schöne RosamundZu König Heinrichs Füßen:Es ruht ihr Haupt auf seinem Schooß,Und ihre Augen, blau und groß,Schaun lächelnd in die seinen.
Ein frischer Bronnen ist ihr Mund,Und Heinrichs Lippen senken,Wie Krüge, tief sich auf den Grund,Um so sein Herz zu tränken;Doch wie solch’ Trunk ihn auch erquickt,Aus seinen Augen finster blicktVon Zeit zu Zeit die Seele.
Das junge Weib, es bangt und blaßtVor seines Auges Schatten,Und sieh’, ihr eignes Herz erfaßtDer Trübsinn nun des Gatten;Sie weint und ruft in bittrem Harm:„Ist auch die Liebe selbst zu arm,Ein ganzes Glück zu schaffen!“
„Was soll nur, Heinrich, – spricht sie fort –Der Ernst in Deinen Zügen?Sag’, will mein schlichtes LiebeswortDir fürder nicht genügen?Ach, als ich Dir mein Herze gab,Gab ich Dir all mein Gut und Hab –Ich hab’ nichts mehr zu geben.“
Sie spricht’s, und sieh, ein Tropfen warmRollt über Heinrichs Wange:Er preßt sie fester in den ArmUnd küßt sie heiß und lange;Dann spricht er: „Was mir raubt die Ruh,Du reines Herz, das bist nicht Du,Das ist mein bös Gewissen.“
Er legt sie auf den BlumenplanUnd knieend vor der ArmenRuft er: „Was ich Dir angethan,Deß woll’ sich Gott erbarmen!Ich, der gefreit um Deine Hand,Bin König über EngellandUnd Leonorens Gatte.“
Da flieht die letzte Rose scheuVon Rosamundens Wangen,Der König aber hält aufs Neu’Voll Inbrunst sie umfangen;Laut ruft er: „So Du kannst, vergieb,Und sei mein Leben, sei mein Lieb,So treu, wie ich Dich liebe!“
Wohl durch die Thränen leuchtet daIhr Auge wie die Sonne:Was immer sei, er liebt sie ja,Und das allein ist Wonne.Sie spricht: „Dein bin ich alle Zeit,Und kostet’s meine Seligkeit,Es soll kein Tod uns trennen!“
Da heben ringsum alsobaldDie Vöglein an zu singen:Es will das Rauschen in dem WaldWie Orgelton erklingen.Der König still sein Liebchen preßt,Und seiner Seele HochzeitsfestHat nur der Wald vernommen.
Fünftes Kapitel.Wie König Heinrich gen London zieht.
Noch blitzt die Sonne kaum ins Thal,Auf Woodstocks Thurm und Tannen,Da zieht im ersten MorgenstrahlDer König schon von dannen;Ihn grüßend, von des Söllers RandIn weißem, flatternden GewandSteht Cliffords schöne Tochter.
Wie Marmor leuchtet in die AuIhr Nacken, der entblößte,Mit Perlen schmückt der MorgenthauIhr Haar, das aufgelöste.Sie blickt herab, er blickt hinauf,Und jeder möcht’ in heißem LaufDem eignen Blicke folgen.
Wie ausgesetzte Schiffer bangAm Felsenufer harren,Und auf das flücht’ge Schiff noch langSehnsücht’gen Auges starren –So blickt vom Thurm jetzt in den WaldAuf Heinrichs schwindende GestaltDie schöne Rosamunde.
Er aber gleicht dem Schiffer gut,Dem nichts das Auge feuchtet,So lang ihm noch durch Sturm und FluthDes Liebchens Fenster leuchtet.Nun aber wird’s ihm bang fürwahr:Noch einmal blitzt ihr goldnes Haar,Es blitzt – und ist verschwunden.
Doch Waldesduft und MorgenscheinSind keine Grillenfänger:Und auch des Königs TraurigseinSie dulden es nicht länger.Thautropfen glänzen hier und dort,Die Sonne sieht’s, und küßt sie fort, –Sie will heut keine Thränen.
Die Lerchen flattern her und hin,Und Heinrich hört sie singen:„Nur frischer Muth und froher SinnDarf in den Himmel dringen.“Des Waldes Tauben girren laut:„Ein Herz, das liebt und Gott vertraut,Lacht wie die Maiensonne.“
Da denkt der König: „Sei gescheit,Und laß all trübes Sinnen!Der Trennung Zeit ist böse Zeit,Doch sie wird drum verrinnen.Traun, wer nicht will von dannen gehn,Der bringt sich selbst ums Wiedersehn –All Leid hat seine Freude.“
Er denkt’s; und als an Wald und SumpfEr jetzt vorübertrottet,Da wähnt er wohl mit Stiel und StumpfDie Sorgen ausgerottet,Manch Lied ihm aus der Kehle schallt –Bis nun durch Londons Gassen halltDer Hufschlag seines Schecken.
Schon kauern rings die Häuser, dichtGehüllt in nächt’ges Dunkel,Nur hier und dorten glüht ein Licht,Wie bösen Aug’s Gefunkel.Das finstre Bild der KöniginTritt da vor Heinrichs Seele hin,Und löscht die heitren Bilder.
Und alsobald durchklirrt sein SchrittDes Towers Hof und Thore:Und aus der Hall’ entgegen trittSein Weib ihm, Leonore.Sie spricht und blickt ihn tückisch an:„Willkomm, willkomm, Herr Jägersmann,Nach manchem Tag willkommen!
„Ich wett’, Du hast wie Ritter JürgLindwurm und Molch getödtet,Zehn Meilen Forst, deß bin ich Bürg’,Hast Du mit Blut geröthet;Wie, oder hätt’ im Woodstock-GauWaldfräulein Dich und HaidefrauBis diesen Tag bewirthet?“
Der König drauf: „Waldfräulein frischWohl hab ich das gefunden,Und Speis’ und Trank von ihrem TischDie machten mich gesunden;Doch frägst Du nach dem Haideweib?Ihr glühes Aug’, ihr welker LeibIst andren Orts zu finden.“
Der König spricht’s; ein leiser SpottFliegt über seine Züge;Dann ruft er stolz: „Verhüt’ es Gott,Daß ich Dich feig belüge!Ich schulde Dir nicht Treu’ noch Dank:Waldfräulein blond, Waldfräulein schlankIst Cliffords schöne Tochter.“
Er spricht’s, und als in Haß und ZornJetzt ihre Augen blitzen,Da ruft er laut: „Es soll kein DornJe ungestraft sie ritzen!Dein Blick ist Dolch, Dein Wort ist GiftUnd wenn des Himmels Blitz sie trifft,Du stirbst, denn Du bist schuldig!“
Der König spricht’s; er tritt heranZu hohen Fensters Nische,Und zieht in langen Zügen dannDie Nachtluft ein, die frische;Sein Aug ist trüb, sein Herz ist fern –Hernieder blickt der Abendstern,Wie Rosamundens Auge.
Sechstes Kapitel.Wie König Heinrich gen Frankreich zieht und was weiter geschah.
Und Heinrich, sieben Tage langHält’s ihn in Londons Mauern,Wohl mocht’ ihm jeder Stunde GangWie Lauf des Jahres dauern;Nun aber hält’s ihn länger nicht,Und schüttelnd ab all Last und Pflicht,Fliegt er zu Lohn und Liebe.
Daheim sein Thron und HerrscheramtWard Kerker ihm und Frohne,Nur hier, wo Seel’ in Seele flammt,Trägt Scepter er und Krone.Hier ist er reich, dort ist er arm –Ein einzig Herze, treu und warm,Ist mehr als Erd’ und Himmel.
So flieht die Zeit. Des Herbstes Näh’Färbt kaum die Bäume gelber,Da kommt in seinem Kleid von SchneeAuch schon der Winter selber;Doch immerdar, wie Sturm auch tos’t,Des Königs Ziel, des Königs TrostBleibt Woodstock allerwegen.
Und Frühling wird’s; Schneeglöckchen nicktMit freundlicher Geberde,Das schüchtern stille Veilchen blicktBlauäugig aus der Erde,Und wie so draus es grünt und blüht,Da immer festre Kreise ziehtSchloß Woodstock um den König.
Heut aber trug ihn heim sein Roß,Schon hält’s im Tower stampfend,Da sprengt ein Reiter durch das Schloß,Vom langen Ritte dampfend;Noch hemmt er kaum des Renners Lauf,Da klingt es schon: „Auf, König, auf!In Frankreich loht Empörung.“
Der König hört’s; sein Streitroß wildBesteigt er statt des Schecken,Er läßt mit Schienen sich und SchildVon Kopf zu Fuß bedecken;Er stülpt den Helm auf sein Barett,Und steckt, als ein Plantagenet,Den Busch davor von Ginster.
Der Hengst springt an, schon dröhnt und halltDer Hof von Rosseshufen,Da seinen Diener, treu und alt,Läßt König Heinrich rufen;Herab vom Rosse, spricht er laut:„Gen Woodstock, eh’ der Morgen graut,Bring’ Deines Königs Grüße.“
Er spricht’s, und durch den Tower hinIst kaum er jetzt gezogen,Da tritt glühroth die KöniginZurück von Fensters Bogen;Sie hat des Gatten Wort erlauscht,Und ihres Kleides Seide rauschtMitzürnend in ihr Murmeln.
Dann spricht sie laut: „Und will, Gesell,Mein Gold Dich nicht bestechen,So giebt’s im Wald manch’ gute Stell’,Um, was nicht biegt, zu brechen:Kein Wörtlein von des Königs Gruß,Noch, daß im fernen Land sein Fuß,Darf je nach Woodstock dringen.
„Wohl wie nach Speis’ in HungersnotWird sie nach Botschaft bangen,Es soll kein Bröcklein TrostesbrotJe zu ihr hin gelangen;Ich bring’ ein köstlich Gift ihr bei,Das Zweifelgift an seiner Treu –Das muß das Herz ihr brechen.“
Sie spricht’s, und schreitet durch den SaalUnd kann nicht Ruhe finden:Sie sieht in Ungewißheits-QualIhr Opfer schon sich winden;Sie lacht: „Nun Rosamunde fein,Laß sehn, das wird ein ProbesteinFür so ein Herz voll Liebe!“
Siebentes Kapitel.Wie Rosamunde hofft und harrt.
Durch Woodstocks Laubengänge hin,In heller Mittagsstunde,Zieht nassen Augs in trübem SinnDie schöne Rosamunde;Sie tritt zu einer Ros’ heran,Und pflückt sie und zerpflückt sie dann –Ein Tropfen fällt hernieder.
Da plötzlich springt – den dürren LeibBehängt mit schmutz’gen Loden,Rasch in den Gang ein Bettelweib,Als wüchs’ es aus dem Boden;Sie kreischt in widerlichem Ton:„Gieb nur die Hand, ich weiß es schon,Du willst vom Liebsten wissen.“
Sie nimmt die Hand und drückt sie nun –Aufschreit Schön-Rosamunde;Die Alte murmelt: „Soll ich’s thun?Kein Lauscher in der Runde!“Dann aber läßt die Hand sie frei,Und spricht wie mitleidsvoll: „Vorbei!Betrogen, Kind, betrogen!“
Das Bettelweib, kaum daß sie’s sprach,Ist wieder sie verschwunden;Schön-Rosamunde starrt ihr nach,Gelähmt und schreckgebunden;In Lüften eine Lerche singt –Sie hört es nicht, im Ohre klingtDas Sprüchel ihr der Hexe.
Achtes Kapitel.Ein Sturm.
Der Sturm will jagen: auf fährt er vom SitzIn seinem zerklüfteten Schlosse,Er ruft seinen Diener, den flüchtigen Blitz,Und schwingt sich jauchzend zu Rosse,Dann probt er die Kraft seiner nervigen HandUnd schleudert die Tanne, die vor ihm stand,Gleich einem Ball in die Lüfte.
Die Jagd hebt an: vom FelsenhorstStürzt er mit klaffender Meute,Und spürt in Schluchten und UrwaldforstNach tausendjähriger Beute.Von Norden her saust er und braust er heran,Und jetzt durch Woodstocks mächtigen TannSchrillt seine gellende Pfeife.
Es ächzt und stöhnt der geschüttelte Wald; –Umsonst; ihn rettet kein Jammern!Wie fest die Eiche sich klammert und krallt,Zerbrochen werden die Klammern.Und was von der Hand des Sturmes nicht fällt,Das wird vom Speere des Blitzes zerspellt –Todt liegen die Riesen des Waldes.
Und weiter geht es auf schnaubendem Roß,Die Hufe stampfen und schlagen;Verhängten Zügels an Woodstock-SchloßWill er vorüberjagen:Sieh, da stutzt er – an Söllers RandSteht ein Mädchen, und hebt die Hand,Und ruft: „O komm, o rette!“
„O komm, o rette!“ Er fängt es aufUnd trägt es fort in die Lüfte;Mit Donnerstimme auf seinem LaufRuft er’s in Wälder und Klüfte;Der schäumenden See jetzt schrillt er’s ins Ohr,Und die Wasser der Tiefe steigen empor,Und horchen: „O komm, o rette!“
„O komm, o rette!“ An Frankreichs StrandGellt es der fliegende Reiter;Die Städte hindurch, hin über das LandBraust er weiter und weiter;Da flattert’s wie Linnen auf offenem Feld,Und lauter an König Heinrichs ZeltRuft er: „O komm, o rette!“
Der König hört’s; der rüttelnde SturmEntriß ihn finsterem Traume:Er sah einen nagenden TodtenwurmAn einem blühenden Baume –Er denkt des Traumes und steigt zu Schiff,Ihn kümmert nicht Woge, ihn kümmert nicht Riff,Er hört nur: „Rette, rette!“
Neuntes Kapitel.Rosamundens Tod.
Im Woodstock-Forst, nach SturmesnachtHerrscht wieder tiefes Schweigen,Nur einzle Tropfen fallen sachtVon Blättern jetzt und Zweigen;Und leis nur durch die Wimpel ziehtVon Zeit zu Zeit ein KlageliedUm die geliebten Todten.
Am Waldrand, in des Gartens Näh’,Ist eine offne Stelle:Es glitzert dort, halb Teich, halb See,Im Mondlicht jetzt die Welle;Viel Erlen stehn am Uferrand,Und wo die Welle küßt den Sand,Da sprießen blaue Blumen.
Und hier im duft’gen Wiesengrund,Wo Wald und See sich grüßen,Da sitzt die schöne Rosamund’Den Erlen jetzt zu Füßen;Es ruht ihr Haupt auf feuchtem Moos,Und ach, ihr Aug’ ist thränenlosVon vielem, vielem Weinen.
Wohin sie blickt, da wächst ihr WehVor ihres Glückes Zeugen:Nur tiefer müssen Wald und SeeDie Tiefgebeugte beugen;Und hier, wo Schwur um Schwur erscholl,Durchzuckt sie’s nun verzweiflungsvoll:„Belogen und betrogen!“
Gen Himmel starrt ihr blaß Gesicht;Dann, mit erhobnen Armen,Ruft laut sie: „Gott, ich trag es nicht –Ach, üb’ ein mild Erbarmen!“Und alsobald, an tiefster Stell’,Auf Seees mondbestrahlter Well’,Treibt still die Lebensmüde.
Wie blond Gelock der WasserfeeDurchfurcht ihr Haar die FluthenUnd wie sie treibt, da scheint ihr WehSich schmerzlos zu verbluten;Im Tod versöhnt mit ihrem Leid,Spricht still sie: „Dein in Ewigkeit!“Und sinkt dann in die Tiefe.
* * *
Am dritten Tag, auf Malv’ und Mohn,Da liegt in Sarges GrundeMit Wangen, deren Roth entflohn,Die schöne Rosamunde;Um ihre Lippen spielt es mild,Und wie ein lächelnd KindesbildSchläft ihren Schlaf die Todte.
Zu Seiten ihr, ohn’ UnterlaßUnd auf und ab im Saale,Schwingt Knabenhand das Weihrauchfaß,Gemäß dem Rituale,Zu Häupten liest – gebückt und altVon härenem Gewand umwallt, –Der Priester seine Messen.
Zu Füßen aber, schattengroßIm Abendsonnenscheine,Steht König Heinrich, regungslos,Gleich einem Bild von Steine;Sein Aug’ ist starr, doch durch sein HerzZieht dieses Lebens höchster Schmerz:Der Schmerz um alles Leben.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 115–138, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Von der schönen Rosamunde“, Fassung 2.074.267 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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