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Versbuch

Untergang der Sonne

Heinrich Heine · 17971856

53 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1827

Die schöne SonneIst ruhig hinabgestiegen in’s Meer;Die wogenden Wasser sind schon gefärbtVon der dunkeln Nacht,Nur noch die AbendrötheUeberstreut sie mit goldnen Lichtern,Und die rauschende FluthgewaltDrängt an’s Ufer die weißen Wellen,Die lustig und hastig hüpfen,Wie wollige Lämmerheerden,Die Abends der singende HirtenjungeNach Hause treibt.

Wie schön ist die Sonne!So sprach nach langem Schweigen der Freund,Der mit mir am Strande wandelte,Und scherzend halb und halb wehmüthig,Versichert’ er mir: die Sonne seyEine schöne Frau, die den alten MeergottAus Convenienz geheurathet;Des Tages über wandle sie freudigAm hohen Himmel, purpurgeputzt,Und diamantenblitzend,Und allgeliebt und allbewundertVon allen Weltkreaturen,Und alle Weltkreaturen erfreuendMit ihres Blickes Licht und Wärme;Aber des Abends, trostlos gezwungen,Kehre sie wieder zurückIn das nasse Haus, in die öden ArmeDes greisen Gemahls.

Glaub mir’s – setzte hinzu der Freund,Und lachte und seufzte und lachte wieder –Die führen dort unten die zärtlichste Ehe!Entweder sie schlafen oder sie zanken sich,Daß hochaufbraust hier oben das Meer,Und der Schiffer im Wellengeräusch es hörtWie der Alte sein Weib ausschilt:„Runde Metze des Weltalls!Strahlenbuhlende!Den ganzen Tag glühst du für Andre,Und Nachts, für Mich, bist du frostig und müde!“Nach solcher Gardinenpredigt,Versteht sich! bricht dann aus in ThränenDie stolze Sonne und klagt ihr Elend,Und klagt so jammerlang, daß der MeergottPlötzlich verzweiflungsvoll aus dem Bett springt,Und schnell nach der Meeresfläche heraufschwimmt,Um Luft und Besinnung zu schöpfen.

So sah ich ihn selbst, verflossene Nacht,Bis an die Brust dem Meer’ enttauchen.Er trug eine Jacke von gelbem Flanell,Und eine lilienweiße Schlafmütz,Und ein abgewelktes Gesicht.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Buch der Lieder, Die Nordsee, Zweiter Cyklus, S. 351–353, 1, Hoffmann und Campe, Hamburg, 1827
Digitalisat
de.wikisource.org — „Untergang der Sonne“, Fassung 3.778.529 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Heinrich Heine starb 1856; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1926 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118548018 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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