Mithra
Marie Eugenie Delle Grazie · 1864–1931
96 Zeilen in 4 Strophen · zuerst gedruckt 1892
Sie sagen:Mystischen Kult hab' einstDie Höhle belauscht, und BlutSei hier geflossen in dampfenden Strömen, purpurn,Wie die Morgenwolken, daraufDer Gott thront, dem die Opfer verröchelt .... Nacht war's,Als ich herniederstieg, lautlos, ungeseh'n,Und im Takt der Wogen pocht' es in meinen Schläfen;An's moos'ge GesteinLehnt' ich das Haupt und vergrubDie zuckenden Hände in's Farrenkraut, und aufstiegEin feucht-schwüler Duft daraus wie ein brünstiger Odem.Ich wollt' ein Geheimnis belauschen, wollt'Die Macht empfinden, die hierDie Menschen gebändigt, daß sieIhr Blut hingaben für leuchtende MorgenwolkenUnd Leben für Licht .... Noch standDie Nacht vor mir, die Königin:In die Himmel ragte ihr AntlitzUnd über den Bergen hingIhr violenfarbiger Sammetmantel — unterDen weichen Tritten kräuselte sich die Fluth.Und still war's.Wie in Todesstarre lagDas Leben im Bann des Schlummers, regungslos.Schwarz drohten die KüstenbergeZu mir herüber, schwarz floßMit der Finsternis das Meer zusammen – undSie dehnte sich aus und wuchs in meine Seelehinein — öd, trostlos .... und mir fuhrEin Grausen durchs Herz: wenn sieNun ewig währte? Wenn dumpfUnd bleischwer ihre LastDas Leben erdrückte? Ihr SchooßDie Farben verschlänge undIn lichtloser Ferne der Klang erstürbe? – HinwelktenZuerst die Blumen wie Kinder; dann sänk'Aus brütender Höhe Vogel um Vogel, mitGebroch'nem Aug' und zuckendem Fittich – aufrasteDann endlich der Mensch und Blindheit quöll'Durchs Aug' ihm in die SeeleUnd Verzweiflung erfaßte ihn!HinwürgtenDie Muthigsten sich selbst;Den Andern aber brächeDas Grau'n die Stimmen undSie stierten zitternden Leib'sIn die Nacht hinaus und lauschtenDem Angstgeheule der Bestien, davorSie einst erbebt, und bangten nun, daß esVerstummen könne und mit der FinsternisDie Einsamkeit sie verschlänge ....
Dann schleichen sieZum Meer hinab und spähen,Ob seinem stummen GethierDie Angst nicht Sprache verlieh'n:HinziehtDie Fluth, doch die Wellen klingen nichtUnd stumm bleibt die Tiefe! Da reißt sieDer Wahnwitz hinab — und hinstürbeMit ihnen ihr Größenwahn,HinstürbenIhre Lügen, ihre Schuld,Ihre Götter, ihre Götzen,Und der Schrei des letzten kläng'Wie ein Hohngelächter des Weltraum's ....
Da streifteEin herb-kühler Hauch meine Stirn,Aufschauerte esUm mich, ein schimmernder Streifen stand im Osten:Der junge Tag! Fortscheuchte erDie Dämm'rung, daß ihre grauen Schleier flogen,Und Grenzen gab erDen Dingen und Farben, und aufrißEr plötzlich die Wolken und der Himmel flammte,Entgegenbäumte sichWie eine Geliebte das Meer dem nahenden Gott!Dort stiegEr auf in furchtbarer Majestät,Und vor ihm herGingen Urwelt-Schauer, undEr hüllte sich in die Farbe des Blut's wie Moloch!
Und begehrte er Blut – was gält'Ein Leben, an seinem Altare hingeschlachtet,Ein Lügner, verröchelnd vor seinem Thron?Hat erDie Millionen nichtGeschaffen, die Tag für TagEntgegen ihm jauchzen? Kann erNicht Milliarden noch schaffen? Beschlossen ruhtIn seinem FlammenschooßDas Geheimnis uns'res Ursprungs, unseres Endes,Und heischteEr heut' ein Opfer für seine Wiederkehr,Könnt' Menschenblut sein Schöpferdasein verew'gen –Es zitterte der Stahl in jeder Hand ....
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Italische Vignetten, S. 126-129, Breitkopf und Härtel, Leipzig, 1892
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Mithra“, Fassung 584.123 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Marie Eugenie Delle Grazie starb 1931; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2001 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118746278 der Deutschen Nationalbibliothek.
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