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Versbuch

Der Tod der Liebenden

Georg Heym · 18871912

36 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 1911

Durch hohe Tore wird das Meer gezogenUnd goldne Wolkensäulen, wo noch säumtDer späte Tag am hellen HimmelsbogenUnd fern hinab des Meeres Weite träumt.

„Vergiß der Traurigkeit, die sich verlorIns ferne Spiel der Wasser, und der ZeitVersunkner Tage. Singt der Wind ins OhrDir seine Schwermut, höre nicht sein Leid.

Laß ab von Weinen. Bei den Toten untenIm Schattenlande werden bald wir wohnenUnd ewig schlafen in den Tiefen drunten,In den verborgenen Städten der Dämonen.

Dort wird uns Einsamkeit die Lider schließen.Wir hören nichts in unserer Hallen Räumen,Die Fische nur, die durch die Fenster schießen,Und leisen Wind in den Korallenbäumen.

Wir werden immer bei einander bleibenIm schattenhaften Walde auf dem Grunde.Die gleiche Woge wird uns dunkel treiben,Und gleiche Träume trinkt der Kuß vom Munde.

Der Tod ist sanft. Und die uns niemand gab,Er gibt uns Heimat. Und er trägt uns weichIn seinem Mantel in das dunkle Grab,Wo viele schlafen schon im stillen Reich.“

Des Meeres Seele singt am leeren Kahn.Er treibt davon, ein Spiel den tauben WindenIn Meeres Einsamkeit. Der OzeanTürmt fern sich auf zu schwarzer Nacht, der Blinden.

In hohen Wogen schweift ein KormoranMit grünen Fittichs dunkler Träumerei.Darunter ziehn die Toten ihre Bahn.Wie blasse Blumen treiben sie vorbei.

Sie sinken tief. Das Meer schließt seinen MundUnd schillert weiß. Der Horizont nur bebtWie eines Adlers Flug, der von dem SundIns Abendmeer die blaue Schwinge hebt.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Der ewige Tag. S. 54-55, 1. Auflage, Rowohlt, Leipzig, 1911
Digitalisat
de.wikisource.org — „Der Tod der Liebenden (Heym)“, Fassung 3.449.395 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Georg Heym starb 1912; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1982 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118550683 der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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