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Versbuch

Junge Leiden

Rudolf Lavant · 18441915

152 Zeilen in 19 Strophen · zuerst gedruckt 1893

Der leichte Sinn, der seine SchwingeIm Blau des Aethers freudig wiegtUnd unter dem der ErdendingeTrübsel’ges Wirrsal dämmernd liegt –Mich hat er nicht emporgetragen,Und trotzig hat von AnbeginnIn uralt-ew’ge RäthselfragenSich eingewühlt der finstre Sinn.

Von banger Schwermuth war umnachtetDer Geist und leidenwund die Brust,Als Andre frisch und rasch getrachtetNach Vollgenuß der Jugendlust;Das Weh gab früh mir seine tiefenMysterien für den schönen Schein,Und hundert dunkle Stimmen riefenMich in sein düstres Reich hinein.

Der Jugend Schlummer floh mein Kissen,War auch das Auge müd und heiß;Es suchte Rath und Trost im WissenMein angstvoll-ungestümer Fleiß,Ein Fleiß, der bis zum MorgendämmernBei ernsten Büchern rege blieb,Bis mich zur Ruh’ der Schläfe HämmernUnd in der Stirn das Zucken trieb.

Es war, als ob mein Sinn sich richteAuf Trauriges und Trübes nur –In Menschenleben und GeschichteUnd selbst im Walten der Natur.Es war kein Laut dem Ohr zu leise,Kein Bild dem Blick zu flüchtig-zart,Doch liebt’ ich sie auf meine WeiseUnd nicht nach andrer Menschen Art.

Im Wald verschmolz mit meinen TräumenVoll stiller, weicher TraurigkeitDas ernste Rauschen in den Bäumen,Das leise Flüstern weit und breit,Der Sonnenlichter irres GaukelnAuf Laub und Stamm, das Vogellied,Und der Libelle leises SchaukelnAuf schwankem, windbewegtem Ried.

Der Falter, der auf Blumen rastetUnd wie ein Blatt im Winde schwimmt,Der Käfer, der im Moose hastet,Und an des Grases Halmen klimmt,Das junge Reh, das ruhig weidet,Mich an aus sanften Augen schaut,Und ohne Furcht mir näher schreitet,Sie wurden lieb mir und vertraut.

Ich sah am See der fernen WellenRaschwiegendes Herangewog,Ich sah sie am Gestein zerschellen,Daß flock’ger Schaum mich überflog;Ich sah, wie eine grüne WelleDie andre hastig übersprang,Und sich in ungeduld’ger Schnelle,Aufs sand’ge Ufer zischend schwang; –

Ich sah, wie, matt schon vor dem Strande,Mit leisem, monotonem SchlagSich an dem Steingeröll im SandeDas breite Wellenfluthen brach,Und wie es über weiße KieselMit murrendem Gegurgel dann,Und dann mit plätscherndem GerieselZur Seite ins Geröhricht rann.

Es litt mich nicht im engen Zimmer,Es trieb mich fort, so oft sich fahlDurch schwarzer Wolken Riß der SchimmerDes Mondes auf Minuten stahl,Mit seinem klaren, kalten LichteStill übergoß das weite Land,Und wieder dann sich barg in dichte,Nur matt gesäumte Wolkenwand.

Ich wanderte dem Wind entgegenIn banger, wetterschwüler Nacht,Der sich auf staubbedeckten WegenIn wirren Wirbeln aufgemacht,Ich starrte, keinen Blick verwendend,Im Schreiten in die Finsterniß,Bis flammend sie und grell und blendendDer erste Wetterstrahl zerriß.

Mir war Musik des Regens RauschenUnd das verhaltene Gegroll,Zu dem allmälig meinem LauschenErstarb das dröhnende Geroll,Wenn länger nicht der Blitze SprühenIn Blut den Horizont getaucht,Und nur ein hastig zuckend GlühenMit mattem Roth ihn überhaucht.

Tiefathmend ließ ich es geschehen,Daß mir der Wind im Haar gewühlt –Er hat mit seinem frischen WehenDer bleichen Stirne Brand gekühlt,Und eher nicht aus Nacht und DunkelLenkt’ ich den Schritt zurück zur Stadt,Bis mich mit zitterndem GefunkelEin ferner Stern geleitet hat.

Und kam ins Land der Frühling wiederUnd brachte weiche, laue Luft,Und junges Grün und Lerchenlieder,Und leisen, süßen Veilchenduft,Dann pochte schwer mir und verzagendDas Herz in der bedrängten Brust,Und müde senkte sich und klagendDer Blick vor all der Werdelust.

Es lächelte wie neugeborenMir die Natur in jedem Mai,Doch jeder mahnte, daß verlorenEin Jahr des kurzen Lebens sei;Es steht die Welt in frischem Prangen,Ganz so wie einst, in jedem Jahr,Doch was für uns dahingegangen,Das ist dahin auf immerdar.

Die weihevollste Zeit im Jahre,Die ganz das Herz gefangen nahm,Sie war, wenn mit dem Herbst die klare,Wehmüthig-ernste Stille kam,Wenn durch des weiten Himmels reines,Tiefklares Blau kein Wölkchen ging,Und der Marienfäden feinesGeweb’ an Strauch und Zweigen hing;

Wenn sich vor rauer Lüfte WehenIn Roth und Gelb gehüllt der Baum,Wenn seine dunkelblauen SchlehenGereift der Busch am Waldessaum,Wenn ich die Frucht der Heckenrose,Den letzten Brombeerbüschel fand,Und matt gefärbt die HerbstzeitloseIn kahlen Wiesengründen stand.

Und wenn das hastig-wirre LärmenDer Wind zu mir herübertrug,Von all’ den bunten Vogelschwärmen,Die sich geschaart zu weitem Flug,Dann ward die Seele von dem WaltenVerwandten Dranges übermannt,Als müsse Schwingen sie entfaltenZum Fluge in ein bessres Land.

Es fand mein prüfend tiefes SchauenIns dunkle Auge der NaturIn ihm von Todesangst und Grauen,Von Krampf und Marter keine Spur.Ich forschte in den stillen ZügenSo tief zu keiner andern Zeit,Doch war mir nur, als ob sie trügenDen Stempel tiefer Müdigkeit.

Ich nannte diese klaren TageDer eignen Todesstunde Bild –Ich wollte sterben ohne Klage,Mit einem Lächeln sanft und mild;Ich wollte, schweigend und ergeben,Ein Glück im Schlafendürfen sehn,Und ruhig-heiter aus dem LebenIns große Nichts hinübergehen.

Quelle und Rechte

Textgrundlage
In Reih und Glied, 1. Auflage, Verlag von J. H. W. Dietz, Stuttgart, 1893
Digitalisat
de.wikisource.org — „Junge Leiden“, Fassung 3.491.131 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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