Gorm Grymme
Theodor Fontane · 1819–1898
80 Zeilen in 10 Strophen · zuerst gedruckt 1905
König Gorm herrscht über Dänemark,Er herrscht die dreißig Jahr,Sein Sinn ist fest, seine Hand ist stark,Weiß worden ist nur sein Haar,Weiß worden sind nur seine buschigen Brau’n,Die machten Manchen stumm,In Grimme liebt er drein zu schau’n, –Gorm Grymme heißt er drum.
Und die Jarls kamen zum Feste des Jul,Gorm Grymme sitzt im Saal,Und neben ihm sitzt, auf beinernem Stuhl,Thyra Danebod, sein Gemahl;Sie reichen einander still die HandUnd blicken sich an zugleich,Ein Lächeln in Beider Auge stand, –Gorm Grymme, was macht Dich so weich?
Den Saal hinunter, in offner Hall’,Da fliegt es wie Locken im Wind,Jung-Harald spielt mit dem Federball,Jung-Harald, ihr einziges Kind,Sein Wuchs ist schlank, blond ist sein Haar,Blau-golden ist sein Kleid,Jung-Harald ist heut fünfzehn Jahr,Und sie lieben ihn Allbeid’.
Sie lieben ihn Beid’; eine Ahnung bangKommt über die Königin,Gorm Grymme aber den Saal entlangAuf Jung-Harald deutet er hin,Und er hebt sich zum Sprechen, – sein Mantel rothGleitet nieder auf den Grund„Wer je mir spräche ‚er ist todt‘,Der müßte sterben zur Stund’.“
Und Monde gehn. Es schmolz der Schnee,Der Sommer kam zu Gast,Dreihundert Schiffe fahren in See,Jung-Harald steht am Mast,Er steht am Mast, er singt ein Lied,Bis sich’s im Winde brach,Das letzte Segel, es schwand, es schied, –Gorm Grymme schaut ihm nach.
Und wieder Monde. Grau-HerbstestagLiegt über Sund und Meer,Drei Schiffe mit mattem RuderschlagRudern heimwärts drüber her;Schwarz hängen die Wimpel; auf Brömsebro-MoorJung-Harald liegt im Blut, –Wer bringt die Kunde vor Königs Ohr?Keiner hat den Muth.
Thyra Danebod schreitet hinab an den Strand,Sie hatte die Segel gesehn;Sie spricht: „Und bangt sich euer Mund,Ich meld’ ihm, was geschehn“;Ablegt sie ihr rotes Korallengeschmeid’Und die Gemme von Opal,Sie kleidet sich in ein schwarzes KleidUnd tritt in Hall’ und Saal.
In Hall’ und Saal. An Pfeiler und WandGoldteppiche ziehen sich hin,Schwarze Teppiche nun mit eigener HandHängt drüber die Königin,Und sie zündet zwölf Kerzen, ihr flackernd Licht,Es gab einen trüben Schein,Und sie legt ein Gewebe, schwarz und dicht,Auf den Stuhl von Elfenbein.
Eintritt Gorm Grymme. Es zittert sein Gang,Er schreitet wie im Traum,Er starrt die schwarze Hall’ entlang,Die Lichter er sieht sie kaum,Er spricht: „es weht wie Schwüle hier,Ich will an Meer und Strand,Reich’ meinen rothgoldenen Mantel mirUnd reiche mir Deine Hand.“
Sie gab ihm um einen Mantel dicht,Der war nicht golden, nicht roth,Gorm Grymme sprach: „Was Niemand spricht,Ich sprech’ es: er ist todt.“Er setzte sich nieder wo er stand,Ein Windstoß fuhr durch’s Haus,Die Königin hielt des Königs Hand,Die Lichter loschen aus.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 90–92, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Gorm Grymme (Fontane)“, Fassung 1.741.567 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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