Hamburg
Joachim Ringelnatz · 1883–1934
33 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1928 (EA 1927)
Das Hafenleid – die Alsterdiamanten –Das sind für mich so fertige Begriffe,Da fallen Zahlen um die großen Schiffe,Wenn ich begönnert aber mißverstandenZwischen den Reedern sitze an der Bar,Die scheinbar nur um Whiskysoda knobeln.Indessen denk ich immer vor den nobelnKaufherren an mein schlechtgekämmtes Haar.
Dann die, die aus den Schiffen sich verstreuen:Unangenehme, plumpe Wunderlinge,Sie schenken bluterlebte WunderdingeUnd wollen nichts, als sich mit andern freuen.Wie sie das erste beste runter gießen,So gierig wie die weißen Hafenraben – – –Muß man den Schlüssel selbst erschmiedet haben,Um ihre seltnen Märchen zu erschließen.
Und alles kenn’ ich: Backbord, Luv und Lee,Das „Rundstück warm“, die Segel und die Lichter,Die hellen abgesalzenen Gesichter.Fuhr ich vielleicht umsonst sechs Jahr zur See!
Hier bunte Ratsherrn flatternd um die Masten,Dort steife Flaggen, die zur Börse hasten.Und steife Grogs, Qualm, Tabak, Nebeldunst.Du frägst nach Kunst? ach Hummel, Hummel – Kunst!
Nachts klang zwölf Glasen – (nein, vielleicht zwölf Uhr) –Wie aus Westindien – dumpfes Dampfertuten,Ich träumte (aber dieses lüg ich nur)Ich träumte eben von der Tante Bur, –Kann es wohl sein, daß Augenwimpern bluten?Hier trink ich morgens Bier auf nüchtern MagenUnd häufe Wurst auf grobes, schwarzes Brot,Und fühle mich so stark in jeder Not,Ich würde mich hier schämen, je zu klagen.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Reisebriefe eines Artisten, S. 51, 52, 5.–9. Tausend, Ernst Rowohlt, Berlin, 1928 (EA 1927)
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Hamburg (Ringelnatz)“, Fassung 1.089.417 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Joachim Ringelnatz starb 1934; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2004 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118601121 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.