Sommerabend
Justinus Kerner · 1786–1862
58 Zeilen in 9 Strophen · zuerst gedruckt 23. November 1814
(Auf Kloster Lorch, der Gräbstätte des Hohenstauffischen Herzog- und Kaiserhauses.)
Nach mildem AbendregenDie Lüfte, kühlend weh’n;Des Landes reicher SeegenDampft auf zu blauen Höh’n.Duft kommt herangezogenVon Blumen, Kräutern grün,Die unter goldnen WogenDes Aehrenfelds erblüh’n.
Es rauschen durch die StilleDie Aehren, voll und schwer;Der Wald in üpp’ger FülleSteht schwarz, ein nächtlich Meer.Und über ihn sich breitetEin stolzer Felsenkranz,Das ist die Alp, gekleidetIn blauen Himmelsglanz.
Und all’ die Berg’ und Auen,Bebaut mit fleiß’ger Hand,Dies Land, so schön zu schauen,Ist deutsches Vaterland!Geküßt von Himmelsbläue,Steht es, des Himmels Braut.Schützt, Brüder, sie mit Treue!Gott hat sie euch vertraut!
Schlaft süß, die ihr den DegenFür diese Braut geführt,Die auf des Sieges WegenJüngst sel’ger Tod berührt!Auch hier aus alten ZeitenSchläft manches Heldenbild,Das einst in blut’gen StreitenWar deutschem Land ein Schild.
Noch ragt der Fels vor allen,Drauf einst der Helden Haus;Ist auch ihr Leib zerfallen,Die Treu’ hält ewig aus.Drum stieg in Kampfes TagenHier aus der Grüfte NachtManch’ alter Held, zu tragenDas Siegspanier der Schlacht.
Mit solchen treu, verbunden,Da kämpften Männer gut,Da sprang aus sel’gen WundenEin Heilquell, deutsches Blut.Lasst deutschen Muth nicht sinken,So lang noch Alpen steh’n,Euch Heldengeister winkenVon ihren blauen Höh’n!
Hängt fest, wie Waldes-Eichen,Am heil’gen deutschen Land!Wollt ritterlich euch reichenZu Schutz und Trutz die Hand!Die Braut in Himmelsschöne,Dies Land so seegenreich,Will starke, treue Söhne,Den ew’gen Alpen gleich.
Justinus Kerner.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Morgenblatt für gebildete Stände. 8. Jg., 1814, 2. Theil, Nr. 280. S. 1117, 1. Auflage, Cotta, Stuttgart und Tübingen, 23. November 1814
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Sommerabend (Kerner)“, Fassung 3.575.568 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Justinus Kerner starb 1862; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1932 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118561545 der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.