Waldemar Atterdag
Theodor Fontane · 1819–1898
63 Zeilen in 5 Strophen · zuerst gedruckt 1905
Und Waldemar, (König Christophers Sohn),Im Dome zu Ringstedt nahm er die Kron’,Nun führt er die Herrschaft mit kluger HandUeber Dänemark-Meer und Dänemark-Land,Nie faßt ihn Jähzorn, nie treibt ihn Eil,„Erst wägen, dann wagen.“ „Eile mit Weil.“Und ob es zur That ihn auch drängen mag,Auf den andern Tag schiebt er’s: „Atterdag“.
Und er fährt gen Jütland. Auf Schloß AarhuusHarrt er auf Huldigung und Gruß,Auf Gruß des Adels. Der hält sich zurück;Einer nur sprengt über die Brück’:„Um Gott, König Waldemar, auf und flieh’,In hellen Haufen kommen sie,Sie zürnen Dir schwer, weil Du zubestimmstDem Bauer all’ das, was dem Adel Du nimmst,Sehstedt führt sie; von Viborg herKommen Dreihundert oder mehrIn den Sattel, König, und flieh und jag’Hin über die Haide.“ … „Atterdag.“
Und ein Jahr und ein Tag, und auf Schloß HelsingörIm Landsthing sitzt er und giebt Gehör;Um ihn her seine Räthe; da stürmt in den SaalErik Swensen, sein erster Admiral.„Eile Dich, König. Zu dieser StundFahren die Lübischen in den Sund,Zwischen Insel Amak und HveenSind siebenundzwanzig Segel zu sehn,An der Spitze die „Seekuh“, ihr bestes Schiff,Greif zu, wie Dein Vater einst sie griff.Sie kommen wie Räuber. Nach Gut und BlutDürsten sie. Zertritt ihre Brut,Vernichte sie mit einem Schlag.“„Erst wägen, dann wagen … Atterdag.“
Und wieder ein Jahr und auf Schloß WordingborgIn Stille sitzt er und doch in Sorg’,In Sorg’ um Heilwig. Auf seinem SinnLastet die schöne Königin.Es heißt, sie sei krank, ohne Schlaf ihre Ruh,Aber ein Kämmerling flüstert ihm zu:„Der Königin Krankheit ist Lug, ist Schein,Sten Sture geht lachend aus und ein,Er ist noch ein Knabe, noch halb ein Kind,Das lieben die Frauen, wie Frauen sind.Auf, Waldemar, stör’ ihre Lust, ihre List,Zeige, daß Du der König bist,Ueberrasche Schön-Heilwig, erforsche sie, frag’“„Es würde sie töten … Atterdag.“
Und die Jahre gehn und in Roskild-AbteiTodtkrank liegt Waldemar, Gott steh’ ihm bei,Sein Blick ist erloschen, fahl sein Gesicht,Erzbischof Ansgar aber spricht:„Alle Sünde, die Dich quält und brennt,Es löscht sie Beicht’ und Sakrament,Und willst Du Dein Gewissen still’n,Hier bin ich, sprich Deinen letzten Will’n,Uns’re Kirch’ ist arm, wer sie speist und tränkt,Dess’ auch die Kirch’ in Liebe gedenkt,Dein Spruch war immer: „Eile mit Weil,“Aber jetzt eilt es mit Deinem Heil,Säen ist erndten und Opfer Ertrag;Säe, König.“„Atterdag.“
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, Seite 101–102, 10. Auflage, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin, 1905
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Waldemar Atterdag“, Fassung 1.587.468 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Theodor Fontane starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118534262 der Deutschen Nationalbibliothek.
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