Die Fei
Conrad Ferdinand Meyer · 1825–1898
28 Zeilen in 7 Strophen · zuerst gedruckt 1882
Mondnacht und Flut. Sie hangt am Kiel,Umklammert mit den Armen ihn,Sie treibt ein grausam lüstern Spiel,Den Nachen in den Grund zu ziehn.
Der Ferge stöhnt:„In SeegesträuchReißt nieder uns der blanke Leib!Rasch, Herr! Von Sünden reinigt Euch,Begehrt Ihr heim zu Kind und Weib!“
Der Ritter hält den SchwertesgriffSich als das heil’ge Zeichen vor –Aus dunkeln Haaren lauscht am SchiffEin schmerzlich bleiches Haupt empor.
„Herr Christ! Ich beichte Ritterthat,Streit, Flammenschein und strömend Blut,Doch nichts von Frevel noch Verrat,Denn Treu und Glauben hielt ich gut.“
Er küßt das Kreuz. Gell schreit die Fee!Auflangen sieht er eine HandAm Steuer, blendend weiß wie Schnee,Und starrt darauf, von Graun gebannt.
„Herr Christ! Ich beichte Missethat!Ich brach den Glauben und die Treu,Ich übt’ an einem Lieb Verrat.Es starb. Ich thue Leid und Reu!“
Sie löst die Arme. Sie versinkt.Das Ruder schlägt. Der Nachen fliegt.Vom Strand das Licht des Erkers winkt,Wo Weib und Kind ihm schlummernd liegt.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- Gedichte, 1. Auflage, Verlag von H. Haessel, Leipzig, 1882
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Die Fei“, Fassung 3.501.236 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Conrad Ferdinand Meyer starb 1898; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1968 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 118581775 der Deutschen Nationalbibliothek.
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