Das Lied vom ersten Mai.
Rudolf Lavant · 1844–1915
65 Zeilen in 8 Strophen · zuerst gedruckt 1899
So brause denn mit vollem Feierklange,Du Lied der Lieder, über Fels und Meer ―Geleite es auf seinem Leidensgange,Auf seinem Siegesmarsch, der Arbeit Heer!Mit Eisenfinger sollst Du mahnend klopfenAn der Paläste erzgeformtes Thor,Und ob mit Wachs die Ohren sie verstopfen,Aus trägem Schlummer reisse sie empor!
Sie haben Grund, bei Deinem Klang zu zittern!Du bist der Trauermarsch für ein System,Du hörst Dich an, wie morscher Throne Splittern,Wie Würfelrollen um ein Diadem.Du rufst zum Kampf mit dumpfem Glockendröhnen,Bei dem das Herz der Herrschenden sich krampft ―Du übertäubst der Ueberwundnen Stöhnen,Die eines Volkes Massentritt zerstampft.
Du hast die wilden, urgewalt’gen KlängeDer aufgewühlten, der empörten See ―Du übertönst der Kirchen ChorgesängeUnd alle Trommelwirbel der Armee.Was Blechmusik und was der Orgeln Brausen,Das von der Dome Wölbung widerklingt!Du bist der Sturm, der sie mit hellem SausenZerbläst, ersäuft, bewältigt und verschlingt.
Es singen Dich die Kinder und die GreiseIm Moor des Nordens, wie am Palmenstrand.„Ein’ feste Burg“ und die Marseiller WeiseSie reichen sich in Dir die Bruderhand,Und alles Weh, das jemals uns betroffen,Das wir vom Herzen in der Nacht geweint,Der finstre Zorn und das verklärte Hoffen ―In Deinen Klängen rauschen sie vereint.
Es regt in Dir gewaltig seine SchwingenDer Geist der neuen, einer bessern Zeit,Die allen Völkern will den Frieden bringen,Vernunft und Freiheit und Gerechtigkeit.Und diesen Geist, man wird ihn nicht erstickenUnd nicht versenken in die alte Nacht,Und allen Waffenprunk wird er zerknickenWie Kinderspielzeug in der Hand der Macht.
Was sie an Liedern sonst den Völkern brachten,Hat sie getrennt, verfeindet und verhetzt;In ihnen hat der finstre Gott der SchlachtenSein Schwert, das roth von Völkerblut, gewetzt.Du bist das Lied, das alle Zwietracht endet,In der so lang die Herzen sich versteint,Du bist das Lied, das Alle, die verblendet,In einem hohen Ziel versöhnt und eint.
Drum ist man gram der Weise und dem Liede,Das seine Klarheit in die Tiefen schickt;Sie wollen nicht, dass ungestört der FriedeIns weisse Banner rothe Rosen stickt.Sie spotten Dein, doch nur mit bleichen Lippen,Und frostig ist, gezwungen ist der Scherz;Sie spotten Dein, doch pocht an ihre RippenVerzagt und ängstlich ein gepresstes Herz.
Drum brause fort, Du festlich-hohe Weise,Und woge auf bis an das Sternenzelt;Vollende sie, die ruhmgekrönte Reise,Von Land zu Land, die Reise um die Welt!Von Fels zu Fels sollst feierlich Du wallenIn linder Frühlingsnacht, von Bai zu Bai,Dem Feind zum Trotz, dem Freund ein Wohlgefallen,Du unser Lied, Du Lied vom ersten Mai!R. L.
Quelle und Rechte
- Textgrundlage
- off, Paul Singer, Berlin, 1899
- Digitalisat
- de.wikisource.org — „Das Lied vom ersten Mai“, Fassung 3.082.210 · Bearbeitungsstand „korrigiert“ · abgerufen am 2026-08-28
- Gemeinfrei
- Rudolf Lavant starb 1915; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 1985 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 10218299X der Deutschen Nationalbibliothek.
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