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Versbuch

Fahrt mit der „Bodensee“

Kurt Tucholsky · 18901935

51 Zeilen in 13 Strophen · zuerst gedruckt 31. Oktober 1919

Von Theobald Tiger

„Und wenn vielleicht in hundert Jahrenein Luftschiff hoch mit Griechenweindurchs Morgenrot käm hergefahren –Wer möchte da nicht Fährmann sein?

Dann bög ich mich, ein sel’ger Zecher,wohl über Bord, von Kränzen schwer,und gösse langsam meinen Becherhinab in das verlaßne Meer.“ –

So sang vor Jahren Meister Keller.Es rinnt die Zeit. Es rinnt der Sand.Bis man das Luftschiff mit Propeller,bis man den Zeppelin erfand.

Ich steige ein. In sieben Stundenfliegst du von Lindau nach Berlin.Ich lasse unter Gondelkundendie Welt an mir vorüberziehn.

Es steigt das Schiff. Und klein und kleinerwird Wald und Feld und Bodensee.Am Tische hinter mir trinkt einer,weil ihm nicht wohl, Kamillentee.

Ich schaue abwärts. In der Tiefe,gibts da wohl Riesen, deren Huldund Kraft das Volk zum Himmel riefe –?Fast scheint es, als ob alles schliefe …Dran ist gewiß die Höhe schuld.

Ich schaue abwärts. Was so wichtigda unten schien dem Tageskult –hier oben sieht mans gar nicht richtig …Dran ist gewiß die Höhe schuld.

Ich schaue abwärts. Weg sind jeneKrakeeler auf dem Rednerpult,die reklamierten Heldenbeene …Dran ist gewiß die Höhe schuld.

Wo ist der anoch nicht korrupteZollmensch im Westen? – Mit Geduldspäh ich, wann er sich uns entpuppte …Dran ist gewiß die Höhe schuld.

Wo ist die Reichsversorgungsstelle,die noch kein Schläfchen eingelullt?Ich sehe nichts. Das Schiff fährt schnelle …Dran ist gewiß die Höhe schuld.

Wo ist der Friede? Wo die Freude?Wo ein Gemüt, das nicht verschrullt?Wie kommts, daß ich die Zeit vergeude …?Dran ist gewiß die Höhe schuld.

Nur einer tät sich nicht verstecken:Auf dieser Fahrt, im Windeswehn,im platten Land, in Stadt und Flecken,am Bach, am Fluß, in grünen Hecken –:Der Schieber war genau zu sehn –!

Quelle und Rechte

Textgrundlage
Ulk Jahrgang 49. Nummer 44. Seite 162, Rudolf Mosse, Berlin, 31. Oktober 1919
Digitalisat
de.wikisource.org — „Fahrt mit der „Bodensee““, Fassung 3.082.502 · Bearbeitungsstand „fertig“ · abgerufen am 2026-08-28
Gemeinfrei
Kurt Tucholsky starb 1935; das Urheberrecht ist mit Ablauf des Jahres 2005 erloschen (§ 64 UrhG in Verbindung mit § 69 UrhG). Sterbejahr belegt durch den GND-Datensatz 11862444X der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Schreibweise ist die der angegebenen Druckausgabe und wurde nicht modernisiert. Was wie ein Tippfehler aussieht, ist in der Regel keiner.

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